Wigalds Tagebuch

Weihnachten 2020

Maria und Josef parkten vorm Eingang eines Motels.
Die Fenster waren beleuchtet; vielleicht würden sie hier übernachten können.
„Für touristische Zwecke leider nicht möglich“ schüttelte die Dame an der Rezeption den Kopf.
„Ich bin Zimmermann…“ stammelte Josef, und er überlegte, ob er flunkern sollte, dass sie wegen einer Baustelle angereist seien. Unter einer Wehe aber verzog Maria ihr Gesicht und gab einen einschüchternden Zischlaut von sich; die Behauptung, eine Frau in diesem Zustand auf Montage mitzunehmen, würde gewiss unglaubwürdig wirken.
„Bitte bleiben sie hinter der Plexiglasscheibe“ rief die Rezeptionistin barsch, als Schmerz und Übelkeit Marias Oberkörper in Richtung Theke bogen.
Ratlos hakte Josef seine Frau unter und half ihr hinaus in die kalte Nacht. Maria erbrach sich in den Rinnstein, der mit schmutzigen Schneeresten und ausrangierten Mund-Nasen-Schutzmasken garniert war, und dazu pfiff ein eisiger Wind durch die spärlich beleuchtete Vorstadt, irgendwo zwischen Reihenhaussiedlung und Gewerbegebiet. Am Ende der Straße meinte Josef ein weiteres Hotel mit eingeschalteter Leuchtreklame zu erkennen, aber der Weg war weit, und es herrschte Ausgangssperre.
„Sollen wir nicht doch besser ins Krankenhaus fahren?“ fragte Josef bang, doch die gebeugte Maria keuchte: „Die sind doch überlastet, steht in jeder Zeitung. Da wird intubiert und gestorben. Ich bin schwanger – das ist nun wirklich ein Luxusproblem. Außerdem würden die mich ohne Test womöglich gar nicht in den Kreißsaal reinlassen. Bin mir auch gar nicht sicher, ob ich’s noch ins Krankenhaus schaff…“ – und beim letzten Wort zwang eine erneute Wehe Maria in eine Rumpfbeuge.
Um dem scharfen Wind zu entkommen, kämpften sich die beiden in der nun einsetzenden Wehenpause über den Parkplatz eines Baumarktes zu einigen Kleingebäuden, passierten dabei eine Plexiglasbude, in der Einkaufswagen auf Kundschaft warten. Für eine Notgeburt war hier kein Platz. Zurück ins Auto? Maria schüttelte bitter den Kopf. „Zu weit…“
Ein verwahrloster Bungalow war das nächste Ziel. „Asia Imbiss“ stand über der Tür, die mit zwei ausgedruckten DIN-A-4-Blättern beklebt war. Auf dem oberen las man: „Aufgrund der Regierungsmaßnahmen bis auf weiteres nur Außer-Haus-Verkauf“, auf dem unteren: „Zu vermieten“. Das Schaufenster des Imbiss war mit einer schwachen Notbeleuchtung erhellt.
„Hallo, ist da wer?“, rief Josef, als er die leise wimmernde Maria über eine Schneewehe bugsierte und an die Tür klopfte, die darob knarzend nachgab.
Im aufgegebenen Schankraum stand nur eine massivhölzerne Theke, darauf eine emsig grüßende Winkekatze; der Boden war mit Verpackungsmaterial und einigem Unrat bedeckt, und an den Wänden verrieten Graffiti, dass Maria und Josef nicht die ersten Besucher nach der Imbiss-Pleite waren.
Hinter der Theke zweigte ein kleinerer Raum ab, die Küche. Ein wilder Schrei entfuhr der Gebärenden plötzlich und brachte den düsteren, bratölig müffelnden Ort zum Erzittern. „Es geht los!“ fauchte Maria mit Entsetzen im Blick.
In einem halb eingestürzten Regal in der Küche erspähte Josef eine Papierrolle. Während Maria auf alle viere sank, eilte ihr Mann, diese zu holen, und als er das Regal erreichte, sah er am Boden einen verbeulten, halbseitig henkellosen Wok liegen. Geistesgegenwärtig griff er Rolle und Wok, half seiner verbissen kämpfenden Frau aus der Umstandshose und sah bald das Köpfchen ihres Kindes.
Es geschah das, was man wohl eine Sturzgeburt nennt. Im letzten Moment konnte Josef das Baby mit dem Wok auffangen. Die Nabelschnur durchbiss er unerschrocken mit den Zähnen, wie er es unlängst in einer Reportage gesehen hatte.
Gegen die Kälte wickelte er das Baby in die Wisch-und-Weg-Bögen der Küchenrolle, und als er das leise schreiende Paket seiner Mutter an die Brust legte, schoß ihm durch den Kopf, dass sie beide gar keinen Mundschutz trugen, obwohl sie sich doch eigentlich in einem Schankraum befanden. Der Anflug eines schlechten Gewissens durchhuschte Josef, dann jedoch kam ihm der Gedanke deplatziert, ja, abstrus vor, Rührung gewann die Oberhand, und er vergoss heiße Tränen, als er sah, wie beglückt Maria ihren Sohn betrachtete.
Und als beide schliefen, legte Josef den Neugeborenen in den mit Luftpolsterfolie und Steinwolle gefütterten Wok und bedeckte das Kind mit seinem Anorak.
In der Nacht gaben sich zwei Ratten ein Stelldichein; sie lugten interessiert über den Rand des Woks und flüchteten auch nicht, als in den frühen Morgenstunden ein betagter Strassenköter den Schankraum betrat und schwanzwedelnd den Inhalt des Woks begrüßte, gemeinsam mit den Nagetieren und der Winkekatze.
Draußen hatten sich die Wolken verzogen, und durchs Fenster wurde das raue Idyll vom großen Mond und einem besonders hellen Stern in dessen Nähe beschienen.
Als der Tag angebrochen war und Maria ihr Kind stillte, betraten Fremde den Raum: Eine Immobilienmaklerin und zwei potentielle Investoren ließen sich von Josef mit gebührendem Abstand den Sachverhalt erklären, staunten nicht schlecht, besprachen sich untereinander auf Chinesisch, und dann holte einer von ihnen Kaffee und Happy Meals vom Drive Inn um die Ecke und übergab das Frühstück der jungen Familie – ohne dafür Geld zu verlangen, und weil sein Mundschutz ausgesprochen liederlich angelegt war, ließ sich gut erkennen, dass er dabei lächelte.
„Und Sie wollen jetzt tatsächlich hier einen neuen Imbiss aufmachen?“ fragte Josef kauend. „I wo, wir sind spezialisiert auf Billigmärkte“ sagte der eine Chinese, und der andere ergänzte „Man nennt uns die Könige von der Resterampe!“
Es dauerte nicht lange, dann betraten weitere Besucher den Raum, nämlich zwei Streifenpolizisten. Der Oberwachtmeister grüßte freundlich. Jemand aus der Nachbarschaft habe angerufen, da unter anderem womöglich ein Verstoß gegen das Infektionsschutzgesetz vorliege.
Die Anschuldigung ließ sich nicht leugnen: Die Chinesen waren Brüder, lebten zusammen in Bahnhofsnähe, während die Maklerin in einem Weiler ausserhalb der Stadt wohnte und Maria und Josef noch bei ihren Eltern gemeldet waren. Mitthin trafen streng genommen vier Hausstände aufeinander, es lag eine Ordnungswidrigkeit vor. In Anbetracht der besonderen Situation beließen es die Polizisten bei einer unentgeltlichen Ermahnung, forderten allerdings dazu auf, das ungewöhnliche Wochenbett einigermaßen zügig zu verlassen.
Als sie ihre Sachen packten, meinte die Maklerin, dass es eigentlich am besten sei, vor dem Lockdown zu fliehen, irgendwohin, wo‘s warm sei, etwa nach Ägypten. Und als sie bald darauf den Imbiss verlassen hatten, winkte ihnen die Winkekatze noch lange, sehr lange Zeit hinterher.

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3 Antworten

  1. Es gab eine himmlische Sternenkonstellatio . Also kann es stimmen. Der Coronaerlöser ist da. Jetzt müssen wir nur noch 33 Jahre warten.
    LG aus dem Viralen Westfalen
    Michael

  2. N’abend Wigald ☺️

    Bin auch spät da, seit du nicht mehr regelmäßig schreibst.
    Lasse dir und Teresa Abendgrüße da🌙⭐

  3. Bisschen verspätet reingesehen, aber immerhin noch rechtzeitig vor dem hillije Abend 😊
    So könnte es kommen, oder gewesen sein – wer weiß das schon, war ja nicht dabei.
    Gehabt Euch wohl im tiefen Schnee der Alm-sünd😉

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