Wigalds Tagebuch

Sartre, Silbereisen und der pandemische Imperativ

Mit Roberto Di Gioia begutachte ich am Vormittag einen Stapel Film- und Audiodateien, und wir wissen, dass es sich um einen riesigen Schatz handelt: Unsere Stärke ist vielleicht weniger das fertige „Produkt“ als die Idee, die Skizze, das unvollendete Projekt. In unsere Ära passt der Kram schon deshalb, weil wir nicht nur einmal vor < 10 Zuschauern konzertiert haben, in Paris sogar vor 0; wir haben Corona kulturell quasi vorweggenommen, bescheidene Avantgardisten, wir. Manches Konzept hatte ich zwischenzeitlich vergessen, etwa neue „Nationalhymnen“ zu komponieren, zB für Myanmar und Osnabrück. Selten haben sich auch Leute finanziell so verausgabt wie wir in unserem absurden Schaffensrausch. Da sage noch ein Politiker, unsere Kunst diene der „Freizeitgestaltung“, so wie Sport oder Prostitution. Nein, „Hobby“ war unser Leben, Leiden, Ruin, ist es noch und wird es sein: Eine große Dokumentation wartet darauf, angefertigt zu werden, irgendwo zwischen Pennebaker und Spinal Tap, über: das Scheitern.

So wie sich Robertos und meine Wege mit Carlottas Geburt einstweilen trennten, so haben sich auch die deutschen Virologen Streeck und Drosten in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Doch während Roberto und ich keinerlei Ego-Probleme peinigen, sieht es bei den Titanen im Laborkittel völlig anders aus. Streeck jedenfalls beklagt sich öffentlich, dass Drosten seit geraumer Zeit seine emails nicht beantworten würde. Dass Drosten von seiner eigenen Medienpräsenz überwältigt wurde, glaube ich wohl, Streeck wirkt souveräner im Umgang mit Hass und Huld. Drostens Sexappeal reicht an jenen Jean-Paul Sartres heran, während Streecks bambihaft bodenständig an einen gut abgehangenen Silbereisen erinnert – immerhin! Drosten ist halt an der Charité, das ist das Nonplusultra, und er denkt sich: Was schreibt mir der Depp aus Bonn? Haben die da überhaupt Warmwasser?

Das RKI wurde inzwischen zweimal mit Brandsätzen attackiert und Karl Lauterbach im Netz hunderfach der Strick an den Hals gewünscht. Bodo Ramelow rückt denn auch die Wütendsten der „Querdenker“ in die Nähe des Terrorismus. Der zweite Lockdown beginnt ohne jene Lähmung, die die Gesellschaft im März befiel und den Erfolg garantierte, statt Disziplin könnte Renitenz die Oberhand gewinnen; eine ältere Dame berichtet mir, dass ihr Stammtisch, Sportverein, Freundeskreis fortan privat „tagen“ werde; verdächtig oft wird der Sender „Sky“ erwähnt, was mich annehmen lässt, dass eine erneute Unterbrechung des Fussballbetriebes wesentliche Geselligkeits-Gründe eleminieren würde.

Nicht auszudenken, was im dritten, vierten, fünften Lockdown passiert. Aber soweit sind wir noch lange nicht. Erstmal muss der zweite ja ein Ende finden. Und das, seufz, kann dauern.

Teresa blickt sich am Abend um, vergewissert sich, dass niemand lauscht. „Weißt du eigentlich, wer hinter dem zweiten Lockdown steckt?“ – „Elvis Presley“ – „Nein, die St-Martins-Gänse“. Und dann macht sie mich mit einer neo-kantianischen Idee vertraut, dem „pandemischen Imperativ“: „Handle so, also ob die maximale Virulenz deines Wirtsdaseins jederzeit ein allgemeines Superspreading-Event auslösen könnte“.

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5 Antworten

  1. Herrlich, vielen Dank!!!

    Ich bin beim Lesen schon mal ein paar Tage hinterher, aber dieser Eintrag macht mri besondere Freude! Zum einen der Vergleich zwischen den Virologen, zum anderen das Verhalten vor dem Lockdown, das ich auch selbst beobachte: Vor dem ersten Lockdown hatte man sich schon selbst zurückgenommen. Dieses Mal bin ich noch schnell nach Holland gefahren Lakritz und Kaffee kaufen, und wir waren noch mal so richtig lecker essen. So kann es weitergehen.
    Nicht aufhören zu schreiben – es bereitet großes Vergnügen, Ihre Ansichten zu lesen!

    Herzliche Grüße!

  2. Moin Wigald ☺️

    Die Sachen mit Roberto du Gioia, das sind doch die Videos auf YouTube “ Wigald und die leiseste Punkband der Welt“ wenn ich mit Recht erinnere? Wenn ihr kaum bzw. Keine Zuschauer hattet, hat es vielleicht an dem Umstand gelegen, das es ihnen so wie mir ergangen ist, nämlich sich vor lauter Lachen in die Hose zu machen. Wir sind ja hier “ chez nous“da kann ich es ja erzählen. Es muss so vor 4-5 Jahren gewesen sein, ich suchte auf YouTube, da ich ein ziemlich nostalgischer Mensch bin und es im Fernsehen keine gute Comedy wie früher mehr gibt, alte Videos. Samstag Nacht hatten derzeit dabei auch meine größeren für sich entdeckt. Ich suchte Samstag Nacht, Auftritte von den Doofen, dann gab ich Wigald Boning ein und stiess auf Allerlei und unter anderem auf “ Wigald Boning und die leiseste Punkband der Welt“ Ich habe an diesem Tag so gelacht wie schon lange nicht mehr. Mehr noch, ich machte mir ein wenig in die Hose vor lachen! In der Öffentlichkeit ist das natürlich nicht so toll, da schaut man sich dann so etwas lieber im stillen Kämmerlein an. Ich persönlich finde die Sachen spitze, das ich bei soetwas Revivals wünsche, ist nichts neues. Ich persönlich würde mich selbst auch über ein Revival der Doofen freuen. Aber ich lebe ja in meiner nostalgischen Retrowelt, klein und bescheiden, wir haben ja Corona und wie du siehst, stehen ja nun die neuen Stars auf der Showbühne, Streeck, Droosten…nur ist die Show nicht sehr sehenswert, nur Leid, Tragik, erdrückend und ich hoffe, das diese Show bald abgesetzt wird. Die Zuschauerzahlen sinken schon länger immer mehr. Du solltest vielleicht doch schon Mal dein Revival planen. Würde mich freuen.

    Wünsche dir und Teresa noch einen schönen Tag 💐

  3. Moinsen Wigald!
    Die OS-Hymne tät mich interessieren, ist schließlich mein Geburtsort 😉
    Das mit den Gänsen – könnte stimmen, viele Tiere sind schlauer als viele Leute … denken 😊

    1. Tach Bine☺️

      Das mit den Hymnen ist in der Tat interessant. Eine fürs Rheinland, für Köln, wo ich herkomme. Und eine für meinen Mann, der ist in Hamburg geboren.Fände ich super 👌

      Wünsche dir einen schönen Tag und ein schönes Wochenende 💐

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