Wigalds Tagebuch

Mensch vs. Virus: Wer ist die größere Katastrophe?

Beste Unterhaltung bietet der Fussballsport: Einerseits hochprivilegiert, da im Profibereich auf dem Spielfeld keine Maske getragen werden muss. Andererseits stehen auch die grössten Clubs Millimeter vor der Pleite, etwa der FC Barcelona, aber die Spieler bzw deren Berater weigern sich, auf Teile ihres Gehaltes zu verzichten. Beim FC Bayern ist es David Alaba, der ausgerechnet in dieser Krise eine Gehaltserhöhung verlangt, nämlich auf angebliche 20 mio pro Jahr, um „genauso viel zu verdienen wie Lewandowski oder Neuer“. Bayern hat sein (niederigeres) Angebot zurückgezogen, und Alaba gibt sich „erstaunt und verletzt“. Ja, ich bin auch immer wieder „erstaunt und verletzt“, wenn ich aus der Hörzu erfahre, dass irgendwelche Sendungen, an denen ich mitgewirkt habe, erst um 2:30 in der Nacht oder gar nicht ausgestrahlt werden, und noch mehr, wenn Sender meine Gagenvorstellungen ablehnen. Denn, ganz ehrlich: Auch ich würde gerne gehaltstechnisch mit Neuer und Lewandowski aufschließen, bin sogar eloquenter als beide und deutlich seltener verletzt. Aber jetzt ist Corona, und da ist nicht soo viel, was ich mir vergüten lassen könnte, jedenfalls live, auf’m Platz.

Merkel macht in der Bundespressekonferenz noch mal das Ziel klar: Reduzierung aller Kontakte auf ein Viertel. Schaffe ich kaum, da ich zumeist nur mit drei Personen pro Tag Umgang pflege. Müsste mich also radikal isolieren. Oder zuhause Maske tragen? Auf Öffis verzichten, das könnte in meinem Fall was bringen. Und Einkäufe samt und sonders nach Hause liefern lassen. Wobei ich letzteres für ökologischen Unfug halte. Und geht nicht eigentlich Ökologie vor? Wir Menschen sind doch nicht alleine auf der Welt, da sind doch auch die anderen Tiere, die Pflanzen, die Pilze – das Wohnergehen all dieser Geschöpfe sollte im Vordergrund stehen, nicht nur unser eigenes. Oder? Habe gut reden, nachdem ich gestern und vorgestern große Steinpilze nach Hause schleppte und verspeiste – diesen Pilzen ging’s in der Pfanne schon mal nicht weniger schlecht als den Coronatoten unter unseren Artgenossen. Im Grenzbereich der Empathie: Das Virus mag eine Katastrophe sein, für den Planeten sind jedoch wir die größere Katastrophe, mit Abstand.

Untereinander machen wir uns ja auch das Leben schwer: Mathilda nimmt auf dem Spielplatz ein fremdes Förmchen in den Mund, woraufhin sich Teresa die Aufforderung einhandelt, das Spielzeug gefälligst zu desinfizieren. „Tut mir leid, habe gerade kein Spray dabei“ sagt meine Gattin, und die fremde Frau schüttelt den Kopf und ruft mit scharfer Stimme „Dann müssen wir jetzt wohl nach Hause gehen!“

In Wien wiederum geht’s konkreter um Leben und Tod, die Lage ist zu dieser frühen Stunde unklar, aber der Glaube an die Grandezza unserer Art wird auch nach Bekanntwerden aller Details nicht eben wachsen, egal, ob es sich um Rechtsextreme oder um Islamisten handelt. Alles eine Sippschaft, und zwar fast immer Männer. Terestosteron ist ein Teufelszeug, schlimmer als Koks, und ich weiß, wovon ich rede. Wenn‘s nach mir ginge, könnte man uns Bartträger samt und sonders entmündigen (entwaffnen sowieso).

P.S.: 6:47. Der Anschlag in Wien hat offenbar einen islamistischen Hintergrund. Auch so‘ne Pest. Für einen Himmel voller Jungfrauen. Auch hier wartet eine Denksportaufgabe auf uns: Wie können wir uns effektiver wehren?

P.S.: 9:50 Als Münchner kann man sich in die Wiener Lage spielend einfühlen. Ich denke ans Olympia-Einkaufszentrum, die damalige Panik in der Stadt, eine Amerikanerin sprang aus dem Hotelfenster und verletzte sich, weil sie sich in Lebensgefahr wähnte, Teresa durfte die Oper nicht verlassen…

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3 Antworten

  1. Ich bin mit allem, was Du zum Zustand des Planeten schreibst, absolut bei Dir. Ein Teil von mir wird folgenden Gedanken nicht los: Einerseits ziehe ich viel Trost aus der liturgischen Formulierung „…unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat… und der niemals preisgibt das Werk seiner Hände.“
    So nach dem Motto: wir sind seine Geschöpfe, er wird uns schon nicht im Stich lassen.
    Andererseits: genau. Er hat die Nase gestrichen voll von uns und ist nicht bereit, diesen großartigen Planeten, das Werk seiner Hände, weiterhin unserem verantwortungslosen Treiben preiszugeben. Zeit für einen Denkzettel.

  2. Moin Wigald,

    Mit den Gehältern im Profifussball bin ich ganz bei dir. Ich möchte auch mal so gerne meine Gehaltsvorstellungen so diktieren können.

    Wien, ich bin einfach nur erschüttert.

    Wünsche dir und Teresa trotz allem einen schönen Tag.

    P.S: Was waren das für große Steinpilze? Diese kompletten Riesendinger? Mein Mann erzählte mal, seine Oma hätte mal so einen gefunden. In Scheiben geschnitten, paniert, gebraten. Würde schmecken wie Fleisch. Würde ich auch gerne mal probieren

  3. Lieber Wigald,
    auch ich bekomme täglich mit, dass wir uns immer mehr das Leben schwer machen. Nix mehr mit „wir müssen zusammenhalten“, wie es anfangs von Corona posaunt wurde. Viel Misstrauen, herber Umgangston, wenig Solidarität.
    Ich denke, dass wir die November-Wochen noch einigermaßen hinbekommen, aber was wird dann?
    Und Wien: Ich bin erschüttert!
    Vielen Dank für Deine täglichen Berichte, auf die ich mich immer sehr freue.
    Liebe Grüße

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