Wigalds Tagebuch

Jeden Tag eine frische Unterhose

Lockdown light. Damit meinen die Downlocker einen weichen Weg gegen das Virus, und wenn man diesen Weg gedanklich weiter geht, landet man schnell beim Lockdown zero, also ganz ohne dickmachende Bestandteile, womit zB das StayHome-typische Rumlungern auf dem Sofa gemeint sein könnte. Beim Chrystal Lockdown sind alle Bewegungen, Kontakte und Denkvorgänger des Gelockdownten einer totalen Transparenz anheim gegeben; alles ist für alle sicht- und nachvollziehbar („Holländisches Modell“). Und dann gibt’s noch den Cherry Lockdown (virenhaltige Aerosole werden mithilfe innovativer Kautabletten kirschrot eingefärbt und so sichtbar gemacht). Mezzo Mix ist eine Kombination aus zwei verschiedenen Lockdowns, ebenso wie der Radler-Lockdown (nur Erwachsene sind betroffen).

Wie auch immer: Es fühlt sich momentan nicht wie ein „Lockdown“ an (ausser man ist Künstler oder Gastronom). Auf den Straßen die üblichen Menschendosen; nichts deutet auf irgendwelche besonderen Umstände hin, und in Leipzig treffen sich stolze 45.000 Querdenker und rufen „Trump forever“. Vonwegen.

Am Nachmittag endlich die Nachricht aus Pennsylvania: Biden beats Trump. Ich befürchte sogleich, viele werden ein Zurück zur Zeit vor Trump erwarten, aber das wird es kaum geben. Bidens wichtigste Aufgabe ist es, die zerrissene Nation zusammenzuführen, und das geht umso besser, wenn er das Multilaterale nicht an die allergrößte Glocke hängt, sondern den „America First“ – Gedanken weiterverfolgt, wenngleich freundlich im Ton. Sollte ich irren: Umso besser!

Ich würde mir wünschen, dass jene, die auf Trump mit Fassungslosigkeit reagiert haben (also dieselben, die auch die Erfolge der AfD beklagen) deren Wähler genauer kennenlernen. Jene, denen in schlauen Leitartikeln „Abgehängtheit“ angehängt wird, die nicht nur von den Folgen der Globalisierung bedrängt sind, sondern sich schon durch den EU-Binnenmarkt bedroht fühlen. Jene, die gendergerechte Sprache affig finden und für einen Eingriff in ihre Freiheitsrechte halten, jene, die regelmäßige für „dumm“ gehalten (und in ihrer Weltsicht: verkauft) werden. Eine Folge des Lebens in Filter-Bubbles ist, dass immer weniger Menschen über das Leben ihrer Artgenossen auch nur so ungefähr Bescheid wissen. Es bräuchte neben Schüleraustausch international vergleichbares zwischen den Soziotopen. Ein Jahr bei Lempels auf’m Sofa. Mag lästig sein, schafft aber Kenntnisse, die vielen akademisch-urbanen „Eliten“ heutzutage abgehen. Dass die Deutschen die Amerikaner der Provinz nicht kennen, ist eine andere Sache. Mietet Euch ein Wohnmobil, setzt Euch aufs Rad und fahrt von Küste zu Küste von Rust Belt zu Bible Belt, unterhaltet Euch mit den immer freundlichen Leuten am Wegesrand, und beim nächsten Trump wundert ihr Euch weniger. Ist ja eigentlich schnell gemacht: Ein Sommerurlaub bringt schon viel, zB die Erkenntnis, dass das, was in Europa passiert, gedacht und gemeint wird, dem Häusler in Hinter-Ohio völlig egal sein kann – und auch ist.

Muss immer mal wieder an Alfred Biolek denken, der (so wie Peter F. Brinkmann) zu den ersten deutschen Austauschschülern in Amerika gehörte. Er kam, sah und war schockiert: Jeden Tag duschen! Und, noch schockierender: Jeden Tag eine frische Unterhose! (Halte ich beides bis heute für übertrieben).

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4 Antworten

  1. Marc Gellmann: Trag immer eine frische Unterhose! – lesenswert weil humorvoll. Humorvolle Unterhosen braucht man allerdings nicht zu wechseln – glaube ich. Liebe Grüße vom Niederrhein!

  2. Hallo Wigald ☺️ Am Wochenende bin ich immer spät- also tägliches Duschen U d frische Wäsche finde ich persönlich wichtig, und bei deinen Megamärschen etc. Unabdingbar. Zur US- Wahl fällt mir derzeit bei der Massenkritik bez. Biden ein, die Leute wissen nicht, es sie wollen. Man kann es keinem mehr Recht machen.

    Wünsche dir und Teresa noch einen schönen Sonntag und bleibt gesund 🍀🐞💐

  3. Lieber Wigald, Erinnerungen kommen hoch. Ich, Bauj. 1959, aufgewachsen in einem 6-Fam-Haus, 1 Bad (für alle Familien) – nicht gefliest! im Keller. Gebadet wurde nur samstags. In einem Wasser: zuerst Vater, dann wir 3 Kinder, am Schluss die Mama (die musste ja dann alles wieder sauber machen für die nächste Familie :). Und niemand fand das komisch. Heute undenkbar.
    Zu Trump: Große Erleichterung – der große Zampano muss abtreten! Bin gespannt, welche Show er daraus macht.
    Euch einen schönen Sonntag und bleibt gesund.

  4. Moinsen! (Apropos: heute Abend neuer MS-Tatort!)
    Gab‘s da nicht schon mal dieses Trashtauschformat auf einem der Privaten? Frauentausch oder so? Die ProSeccoDrGattinZicke auf der Couch vom FeinrippMalocher und umgekehrt? Bin nur beim durchblättern vom TVSpielfilm ab+zu drüber gestolpert.
    Jeden Tag Duschen macht die Haut kaputt – aber nur mit zu viel / falscher Seife. Als streaker wirst Du wohl kaum drumrum kommen oder sehr einsam auf Dauer, oder Teresa ist SEHR tolerant (oder hat covidgeschädigten Geruchssinn, der Himmel bewahre uns).
    Andererseits erinnere ich aus dem (ev.) Religionunterricht Mittelstufe Gym Trier den Lehrerausspruch bis heute:
    „Wer den Schweiß seines Liebsten nicht riechen kann, der sollte nicht von Liebe sprechen.“ Whow … Bumm … hat mich damals umgehauen.
    Den Satz kannst Du gendern wie Du magst. Ich bin seit 59 Jahren emanzipiert aber das Binnen-I oder die * nerven mich eher, als daß ich mich dadurch gewürdigt sähe.
    Schönen Sonntag und gesund bleiben!

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