Im Schlafwagen durch die Heilige Nacht

Früh wurde gegessen. Ente mit Grünkohl
Sie stahl dem Vergessen, dass ich einst, es mag wohl
Zehn Jahre her sein, nahe bei Nizza aß eine Pizza,
Die mit Pommes belegt (ganz im Ernst)-
Das hatte mich damals durchaus bewegt.
Nun sind Entenkeulen was anderes als Fritten
Der eine mag heulen, doch mögen z.B. die Briten
Womöglich die Kombi aus allen vieren:
Pizza mit Grünkohl, Pommes Frites und Tieren
Ja, A mag goutieren, was B verschmäht
Und das gilt nicht nur für Grünzeug & Brät
Viele halten auch sonst beim Fest
An angeblich uralten Sitten fest:
Sie sitzen beim Baum und schenken sich Socken
Und Lotion und üben Frohlocken – ich jedoch finde
Das Fest mit dem Kinde für Besseres geboren
Ich habe am Nadelbaum gar nichts verloren
Lotion ist tussig,
In die Welt muss ich,
Raus. Also los.
Die Freude war groß, als ich gegen halb sieben
Den Eilzug bestiegen.
Die Eltern haben mich an den Bahnhof gebracht
Die Halle war leer, sehr still war die Nacht
(dabei ist bekanntlich die Stadt Oldenbuich
an und für sich bereits eher ruich)
Am Parkplatz war nur eine Dame
Die mit dem Arme am Parkautomaten
Die Preis-Tasten presste
Das fanden wir ulkig, dass jemand zum Feste
Ein Knöllchen verhindert, während in Bethlehem
Maria kindert. Ob da tatsächlich ein Wachmann auf Streife?
Dem spräche ich ab die menschliche Reife.
Beim Fest der Liebe, so finde ich,
sind Blitzer und Bußgelder hinderlich.
Erste Etappe: Ich sitze alleine im Großraum und lausche
Wie ein Beamter zu lautem Gerausche
Uns Reisenden fröhliche Weihnachten
Wünscht, und außerdem gilt es den Spalt zu beachten
Der sich zwischen Bahnsteig und Eilzug versteckt
Während ein Esel am Krippenkind leckt
(Letzteres hab ich hinzugedichtet,
auf die Bahn hat laut Bibel der Heiland verzichtet)
Jetzt ist es acht, kurz hinter Bremen
Heilige Nacht, düstere Schemen
Zu sehen sonst nichts, zu hören Geratter
Bist Du bei mir, o Heiliger Vater?
Ich finde, er passt, der religiöse
Einwurf. Ich döse 
Hannover entgegen.
„Viel Glück und viel Segen auf all Deinen Wegen“
Summe ich leise
Und reise.

9 Uhr. Hannover, Foto fix, Cut club, alles hat zu
Eine Frau sagt zum Macker „Lass mich in Ruh“
Da ist nicht nur einer, der gerne würde
Für viele hier ist offenbar eine Hürde,
Die unüberwindlich: Die Liebe, das Wollen, das Streben nach Sex
Sie warten und pfeifen und trinken ihr Becks
Einer fällt um und haut mit der Rübe
Gegen ein Schaufenster: ohnmächtig. Trübe
Begutachten ihn seine Leute
Einer macht Witze. Willkommen im Heute.
Bei Sanifair frisst die Drehkreuzanlage
Mein Geld. Ein Mann kommt, ne „Servicekraft“
Schmunzelt „Wie ham sie denn das geschafft?“
Sagt danach „Scheißtag. Ich hatt‘ eigentlich frei,
doch dann wurd‘ mein Kumpel nach lautem Geschrei
Von seiner Ollen verlassen.
Jetzt muss er allein auf die Kinder aufpassen
Und ich springe ein. Es ist nicht zu fassen.
Scheiße! Ich hasse den Scheiß wie die Pest!“
Hm. Ich weiß nichts zu sagen, außer frohes Fest.
Benutz dabei das Urinal ohne Water
Bist Du bei mir, o Heiliger Vater?
Auf meinem Weg zum Gleis wird gebetet
EN 491 ist heute verspätet. Bahn, Du Bitch...
(jetzt wollen Sie wissen, was und wie ich bete?
Ich bitte und danke, und mitunter ranke
Ich um die Appelle hymnisches Lob, hart an der Schwelle
Zum Kitsch).

Halb elf, der freundliche Steward aus Wien erläutert
Mir mein Bett Typ de Luxe. Eine Gruppe Mongolen meutert
Sie sitzen im falschen Zugteil fest
Und fahren statt nach Innsbruck nach Budapest
Ich fülle fürs Frühstück aus ein Formular
(Die Satzstellung ist zu beanstanden, klar)
Dann fällt mir auf, dass mein Hosenstall offen
Apropos Stall: es ist Weihnacht; wir hoffen
Wir hoffen auf Frieden unter den Leuten
Wir hoffen auf Christus, Mao, Jörg Meuthen
(Auf letztere heimlich, jedenfalls heuten)
Inzwischen sind wir auf dem Weg in den Süden
Ich liege entkleidet und blicke mit müden
Augen hinaus in das Schwarz
Ist das dahinten etwa der Harz?
Nein, das ist nur auf dem Glas ein Reflex
Ich denke an Jesus, an nichts und an Sex
Ich schließe die Augen im rollenden Bett
Bist Du bei mir, o Heiliger Dad?

Einfahrt nach Göttingen zwanzig nach elf
Der Bahnsteig ist leer; ich knipse ein Self-
I-Tüpfelchen ist im Background die Leiter (Photo)
Ein Schnaufen, ein Stöhnen, dann fährt der Zug weiter
Schnaufen und Stöhnen nach kurzem Stehen
Erinnern mich unwillkürlich an Wehen
Die Wehen Mariens in der Heiligen Nacht
Im Abteil nebenan ist ein Kind aufgewacht
Es schreit nach der Mama, vielleicht fliegt es lieber?
Am Fenster ziehen Kuppen und Lichter vorüber
Vielleicht hat es Hunger, will Milch oder Brei?
Mitunter ziehen Städte und Sterne vorbei
Dynamische Dunkel. Kulisse. Theater
Bist Du bei mir, o Heiliger Vater?
Das Kind nebenan wird gefüttert und leise
Der Zug rollt. Ich reise.
Und träume. Im Traum mischt sich Baby mit Wiener und Josef
Der Sanifair-Springer wird Deutsche-Bahn-Chef
Aus allen Menschen werden Brüder, aus Scheiße wird Gold
Kohl, Pizza, Ente – mein Magen grollt, und der Schlafwagen rollt

Zehn vor zwei. Würzburg. Grüß Gott in Mainfranken
Ich kann nicht schlafen, mein‘ zu erkranken
Stehe am Klo, den Finger im Hals
Es schmeckt nach Säure, Salpeter und Schmalz.
Dann fahren wir über den Weißwurstäquator
Ich fühl mich ausgeknockt, reif für’n Rollator
Verschwommen erahne ich düsteren Tann
Bist Du bei mir, o Heiliger Mann?
So fleh‘ ich gedeckt, versuche zu ruhen
Doch ist so ein Huhn (oder war es ne Ente?)
Wie jedermann weiß, der dergleichen kennte
Ein Quell der Attacke auf Magen und Darm, und das ist
Kacke wie Hose, hätt ich fast gesagt.
O Heiliger Bimbam, ich zweifle verzagt
Und als wir um drei in Nürnberg einfahren
Ist mir, als lachten mich aus die Tartaren
Maria und Josef, das Kind und der Wiener
O Heiliger Vater, ich brauch Mediziner!
Anschließend geht es nach Passau am Inn
Auch kein Gewinn
Dabei ist das Bett, in dem ich hier liege
Besser als christliche Krippe und Wiege
Das alte Europa: seit 2000 Jahren
Ist das Beste daran das Schlafwagenfahren
Ein Jammer ist, dass man heute die Karre
Beim Reisen vorzugt. Ich harre
Auf die Renaissance von Wagen und Pferd
Und Luxusabteil. Das wäre geil.

Vier Uhr.
Wir stehen auf offener Flur
Mein Körper ist entfeuchtet
In der Ferne leuchtet
Ein Möbellager.

Viertel vor sechs. Hab ich geschlafen?
Ich nähere mich meinem Heimathafen
Jetzt ist die stille Nacht endgültig still.

Sanft tuckern wir über stählerne Trassen
Friede herrscht. Liebe ersetzt alles Hassen
Und Gelb wie die Kerzen der Weihnachtsfichte
Wischen Laternen und sonstige Lichte
Durch den zersiedelten Landschaftsbrei
Bald ist die Reise, das Leben vorbei

Fünfzehn Minuten vergehen noch leise
Dann weckt der Steward mich auf Wiener Weise
Er haut an die Tür und bringt einen Braunen
In einer seiner erstaunlichen Launen
Hat mir der Herr diese Weihnacht gegeben
Bist Du bei mir, o Heiliger Herr?
Hoch sollst Du leben.

Ich schürze das Mündchen
Schlürfe bis München
Dann bin ich da.

Halleluja.
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