Wigalds Tagebuch

Aktenzeichen XY

Am Abend des 17. April gegen 19.30 Uhr verließ eine Münchenerin ihre Neuhauser Wohnung, u.a. um Medikamente für ihre kleine Tochter zu kaufen. Den größere Sohn nahm sie mit. Auf dem Rückweg entdeckte der Bub im Hinterhof des Hauses, in dem die Familie lebt, andere Kinder und begann mit diesen zu spielen.

Vor dem Amtsgericht München 60 wurde die Mutter gestern zu einem Bußgeld von 150€ verurteilt. Sie hätte ihren Sohn zwar zum Einkauf mitnehmen dürfen, nicht jedoch mit den anderen Kindern spielen lassen, da dies kein „triftiger Grund“ für das Verlassen der Wohnung gewesen sei, überdies bestand Ansteckungsgefahr, es lag daher eine Ordnungswidrigkeit vor, urteilte der Richter. Da die Mutter Hausfrau ist und nur der Mann Geld verdient, wurde das Bußgeld auf 75€ reduziert (auch ein interessantes Detail; wusste nicht, dass derlei so gehandhabt wird).

Von Maria Montessori stammt der schöne, wahre Satz „Das Spiel ist die Arbeit des Kindes“, und wenn der Weg zur Arbeit bzw die Arbeit selbst durchaus triftige Gründe für das Verlassen der Wohnung waren, dann ist auch der Weg zum Spielplatz, mithin zu den Arbeitskollegen des Kindes ein unmittelbar einleuchtender, ja, zwingender Grund für den Aufenthalt im Freien. Ich persönlich gehe sogar einen Schritt weiter: Das Spiel der Kinder ist systemrelevant, mindestens so systemrelevant wie das Spiel der Politiker, vieler Beamter auch; ohne Kinder und ohne deren Spiel gibt es keine Zukunft, keine Gesellschaft, niemanden, der solidarisch sein kann, niemanden, der die Kosten der „Maßnahmen“ eines Tages trägt, ohne Kinder gibt es auch niemanden, der in den Parlamenten der Zukunft Ausgangsbeschränkungen verordnet, in Grundrechte eingreift, um Leben zu schützen, auch Richter wird es ohne Kinder nicht geben, und ich stelle mir vor, wie Dreijährige die Ordnungswidrigkeit im darstellenden Spiel nachstellen, die Mutter abführen und dem Hohen Gericht vorführen, wo die uneinsichtige Einkäuferin dafür büßt, dass sie ihr Kind…

…ach, ich mag diesen Gedanken gar nicht weiter spinnen. Das Konzept der Solidarität mit den Verletzlichen (gemeint sind hiermit im Coronäikum selten die Kinder) gerät im Neuhauser Hinterhof an eine Grenze, die ich persönlich nicht zu überschreiten willens und in der Lage bin. Man gehe ohne mich weiter – ich bleibe lieber auf dem Spielplatz bei den Kindern.

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6 Antworten

  1. Ich musste Deinen Eintrag mehrmals lesen…Da wird so eine Lappalie bestraft und anderswo schützt die Polizei Tausende Maskengegner bei Demonstrationen….Gut, das war zeitlich viel später und örtlich woanders. Mia San Mia….ich vergaß, dass es in Bayern geschah.

  2. Mir macht das Ganze langsam Angst. Wie soll unsere Zukunft aussehen, und vor allem die Zukunft meiner Kinder …. herzliche Grüße aus Wildeshausen

  3. Moin Wigald ☺️ Mich entsetzt es, sowas zu lesen. Macht mich sprachlos, fassungslos
    Traurige Grüße sende ich Dir und Teresa

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