Wigalds Tagebuch

Grab the money and run away

Bei Twitter beliebtes Thema: Welcher Promi als nächstes durchdreht (sich gegen die „Maßnahmen“ ausspricht). Man ist sich einig, dass am ehesten Männer über 40 in Gefahr sind, wahrscheinlicher sogar solche über 50. „Z-Promis ohne Verankerung im wahren Leben“, die „darunter leiden, dass sie öffentlich nicht mehr die ganz große Rolle spielen“. Zwar trifft nur das erste Kriterium auf mich zu, dennoch studiere ich akribisch sämtliche Namen von Udo Lindenberg bis Til Schweiger (am häufigsten genannt). Ich bin einigermaßen erleichtert, dass ich nicht ein einziges Mal Erwähnung finde.

Teresa singt in St. Stephan, eine Kirche, die sich eines besonders strengen Hygiene-Konzeptes rühmt. Und so feiert meine Gattin Premiere: Erstmals singt sie mit Maske, was sie zu einer WhatsApp-Nachricht mit sechs Ausrufezeichen führt (für sie äußerst untypisch). Nach dem Auftritt ist sie bedrückt, und ich erzähle ihr vom Londoner Architekturprofessor David Dunster, mit dem ich 1990 „Der geile Osten“ drehte, eine Doku über die letzten Tage der DDR. Von ihm lernte ich den wunderbaren Satz „Grab the money and run away“, immer anzuwenden, wenn ein Projekt künstlerisch nicht ganz so überzeugend zu geraten verspricht. Unzählige Male habe ich seither dieses Motto beherzigt, und meine Frau, so ergänze ich, sollte sich überhaupt glücklich schätzen, momentan gegen Geld singen zu dürfen. Außerdem könne sie froh sein, keine Hotel- oder gar Tanzschuppenbesitzerin zu sein. Höhere Kosten = schmerzhafteres Verarmen.

Ganz usseliges Herbstwetter, la gota fria, wie der Mallorquiner zu sagen pflegt. Ich laufe nur ein Notpensum von drei Kilometern, schiebe dabei den verrotzten Filius einmal um den Nymphenburger Kanal herum. Mein Blutdruck liegt rücklings im Keller, fast würde ich mich brägenklöterig nennen.

Feierabendlektüre: „Der Wiener Kongress“ von Eberhard Straub. Ein entscheidender Mangel des Metternichschen Abkommens: Das osmanische Reich war nicht eingebunden. Daraus resultierten die Balkankriege, deren letzter sogleich zum Weltkrieg wurde. Noch Leo von Caprivi, Bismarcks Nachfolger als Reichskanzler, versuchte Europa durch verstärkte wirtschaftliche Verflechtung zu einen und so die Kriegsgefahr zu verringern. Dann gerieten die Kräfte des Nationalismus außer Kontrolle. Auf jeder Seite fühle mich mich an heute erinnert, bzw an die jüngere Vergangenheit, als zB Sarkozy offen aussprach, dass die Türkei nicht zur EU gehören könne und Erdogan daraufhin frischen Çay aufsetzte. Fast könnte man bei der Lektüre Corona vergessen, aber die Schilderung der Rigidität, mit der im ausgehenden 19. Jahrhundert die Gegner nicht nur zu Feinden, sondern gleich zu „Menschheitsfeinden“ erklärt wurden, mit denen kein Gespräch lohne, führt ruckzuck zurück zu den Händeln des Heute.

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4 Antworten

  1. Kurz vor dem Abendbrot noch die Aufmerksamkeitsbronzemedaille, da bin ich ja in einem exklusiven Digitalsalon gelandet.
    Beim Googeln nach Eberhard Straub erst mal bei einem Fußballer des SV Meppen, Rot-Weiss Essen gelandet. Den „Wiener Kongress“ als Auslöser für einen hundert Jahre später beginnenden Krieg,… bisher habe ich nur Christopher Clark, „Die Schlafwandler“ gelesen, der geht, wenn ich mich recht erinnere nicht so weit zurück.
    Apropos Metternich, vor zwei Wochen habe ich (zum Glück Fehlalarm) eine Nacht in DD im Palast Marcolini (jetzt Neurochiurgische Klinik eines Krankenhauses) verbracht. Dort hat Metternich 1813, also vor der Völkerschlacht, mit Napoleon verhandelt.
    Mal sehen, ob ich jetzt auch noch 3 km schaffe.

  2. Heute Schluss mit lustig?
    Nee, im Ernst, erstens Deins und zweitens auch legitim. Ich hoffe nur, Udo driftet nicht wirklich unter‘s Alu (oder hab ich die Passage falsch verstanden)? Ist nicht DER Held meiner Jugend, aber doch schon einer der vielen Erinnerungstöne.
    Singen mit Maske – daß das überhaupt geht wundert. Tröste sie mit was schönem/leckerem 😉 und bleibt gesund 🍀

    1. Nein, dass Udo überhaupt erwähnt wurde, ist relativ albern – er hat, wenn ich mich recht erinnere, sogar einer Werbekampagne für StayHome seine Stimme geliehen.

  3. Moin Wigald ☺️ Singen mit Maske stelle ich mir doch schon sehr kompliziert vor! Da ja die Maske immer teils über den Mund schubbert, und irgendwie verfälscht es ja auch die Töne. Es hört sich ja beim Sprechen schon dumpf an. Und da man ja eh schon kaum Luft bekommt unter der Maske, dann damit Singen? Ich hoffe immer noch sehr, das sich das alles sehr,sehr schnell ändert. Wünsche dir und Teresa noch einen schönen Tag 💐

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