Wigalds Tagebuch

Geschmacksverlust durch Tofu?

Joe Biden vor 300 Autos auf einem Parkplatz: Einer der seltsameren Orte für weltgeschichtliche Wetterwechsel. Da war der Ballhausschwur, die Weimarer Nationaltheater-Republik, das Ufer eines Flusses im Kaukasus, an dem die deutsche Einheit Gestalt annahm. In Amerika endet auf dem Parkplatz in Wilmington womöglich die Ära der Trash-TV-Dominanz, nachdem das „Sommerhaus der Stars“ schon gnadenlos scheiterte. Der Doyen von „The Apprentice“ drohte unlängst damit, dass „die Quoten in den Keller gehen würden“, wenn er eines Tages nicht mehr Präsident sei. O weh! Schlechte Quoten sind schlimm – manchmal gibt’s dann sogar den Grimmepreis, den Todesengel unter den Adelungen im Reich der Pixel.

Eine Verwandte ist infiziert. Einige Tage Geschmacksverlust jagten ihr einen gehörigen Schreck ein. Um sich testen zu lassen, musste sie extra eine Kreisstadt weiter fahren (Tests sind zZt. rar), und das Ergebnis erwartete sie den vermeintlichen, unvermeidlichen Tod im Nacken spürend. Um sie aufzumuntern, machten wir klapprige Witze, etwa, dass der Geschmacksverlust ja auch mit Tofu-Konsum zu tun haben könnte. Jetzt muss sie zwei Wochen daheim bleiben, wobei „daheim“ in ihrem Fall gleichbedeutend ist mit: „im Bett“, da ihre Behausung im wesentlichen aus Liegefläche besteht.

Von klein zu groß: Hausbesichtigung auf dem Land. Eine riesige Jugendstilvilla in praktikabler Lage. Nach Ansicht des eleganten Fachwerks, des großen Gartens schlägt mein Herz höher, und ich überlege bereits, wie man das notwendige Kleingeld auftreiben könnte. Im Innern dann sofortige Ernüchterung. Alles ist runtergerockt, Rohre und Kabel hängen schlaff aus den Styropor-Decken, jedes Detail muss erneuert werden (ähnlicher Effekt wie im Oldenburger „Carpe Diem-Haus“, das wir uns vor drei Jahren anschauten). Zudem wird im Garten ein Zehnparteienhaus errichtet. Beim Gang auf die Holzbalkone knirscht es verdächtig, man wähnt sich in dem Film „Lohn der Angst“. Ich denke an die vielen Unkenrufer, die in dem Haus ein Symbolbild Amerikas sehen würden, ich erblicke darin aber zuerst eine Bürde, möchte mich lieber in ein akkurater gemachtes Nest setzen. Oder steckt in mir ein Projektentwickler, der die bisherigen 53 Jahre schlief wie Barabarossa im Kyffhäuser? Eine Nacht der Introspektion gönne ich uns.

In der TZ lese ich, dass Michael Mittermeier lustige „Corona-Chroniken“ veröffentlicht. Prost Mahlzeit. Jetzt bleibt mir nur, weiterzuschreiben, und nicht in Mittermeiers, sondern in Ernst Jüngers Fußstapfen zu treten.

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2 Antworten

  1. Hallo Wigald,
    Ich kann mir das vorstellen mit den Phantasien, wenn man so ein Haus mit Garten erblickt. Von außen. Wo eine Villa ist, ist auch ein Weg…
    Aber dann Corona! Wäre eine normale Zeit, Du könntest locker verlockende Jobs annehmen, durch die Republik Touren und Deine Ideen aufmerksamen Handwerkerfirmen mitteilen, die behende alles zufriedenstellend renovieren. Oder aber Du bräuchtest gar nicht umziehen.
    Aber immer fehlt etwas: Geld, Zeit oder Gesundheit.
    Dass Letztere jedoch am wichtigsten Ist, sagt der Satz:
    Gesundheit ist nicht alles,
    Aber ohne Gesundheit ist alles Nichts!

  2. Moin Wigald ☺️

    Alles Gute für deine Verwandte! 🍀Aber von Tofu würde ich auch Geschmacksverlust bekommen. Ich esse auch kein Fleisch, aber Tofu? Never. Und es gibt wirklich gute Fleischalternativen. Runtergerissene Buden, da kenn ich was von. Kennst du den Film, Geschenkt ist noch zu teuer? Ich könnte Bücher über Wohnungen und Wohnungssuche schreiben. Ich drücke euch jedenfalls die Daumen, das ihr was vernünftiges bekommt.

    Wünsche euch ein schönes Wochenende 💐

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