Wigalds Tagebuch

Farewell, Feuerstein

Teresa und ich haben eine neue Freizeitbeschäftigung: Blockflötenduette. Auf dem uns in die Meisterschaft führenden Notenbuch sind zwei Sittiche abgebildet, und noch fühlen wir uns wie zwei Vogelkinder, die bei jeder hohen Note, ach, was sage ich, eigentlich permanent aus dem Nest zu fallen drohen. Teresa spielt Sopran, ich hantiere mit dem klobigen Tenorrohr. Schon bei unserem ersten Stück, der Pavenne von Pierre Attaingnant, kamen uns zwei Ideen. Erstens: Ein musikalisches Entmietungsunternehmen. Unsere Bemühungen vergraulen jeden Nachbarn, selbst wenn wir uns an die gesetzlich vorgegebenen Ruhezeiten halten. Auch als Racheengel würden sich unsere musikalischen Grüße eignen, à la „Sie wollen’s ihrer Ex mal so richtig besorgen?“ Parallel hierzu ist der Ehrgeiz erwacht, und beide wollen wir wissen, wie wir die Töne jenseits des hohen Fs unfallfrei ansteuern können, von Kreuzen und Bs ganz abgesehen.

In den letzten Tagen üben wir ferner Gender-Gaps. Nachdem wir bei „Hart aber Fair“ erfuhren, dass die Lücke zwischen zB Zuschauer und -innen (das mit Sternchen markierte Feld) jenen Platz symbolisiert, der „Divers“ enthält, schlossen wir: Je größer die Lücke, desto größer die Toleranz des Sprechenden, da er ja umso mehr inkludiert. Reden ist Silber, Toleranz ist stumm. Manchmal verhaspeln wir uns jedoch, und sagen Sachen wie: „Studier * Ende“, was inhaltlich auf die Finalität der Gelehrsamkeit hinweist, welche jedoch gar nicht gemeint ist.

Herbert Feuerstein ist tot. Die Nachricht erreichte mich, als ich mit eigenen und fremden Kindern im Neuhauser Eltern-Kind-Café Kaufmannsladen spielte. Gerade hatte ich eine kleine Ananas, eine Kartoffel und eine Zwiebel erworben, für 10 Cent, und als mir das Geld zu Boden fiel, vertonte ich mein Bücken mit einem betagt gequälten „Ächz“. Feuerstein gilt als Erfinder dieser Comic-Vokabel, so wie er auch „Würg“ ersonnen haben soll. Ich habe in meiner Kindheit begeistert MAD gelesen, mit ihm in den ersten „Genial Daneben“-Jahren viele feine Gespräche geführt, und vor allem gelang es ihm, mich für Joseph Haydn zu begeistern. Da ich dies tippe, habe ich mich vom Kaufladen Richtung Kuschelecke absentiert und widme mich meiner unverhofften Traurigkeit. Keine Ahnung, ob wir uns eines Tages im stratosphärischen Dampfbad wiedersehen, bei Aloisius, falls ja, werden Teresa und ich Dich mit der Pavenne erquicken. Oder erquieken – je nach dem.

Share on facebook
Share on twitter
Share on email
Share on skype
Share on whatsapp
Share on xing

9 Antworten

  1. Oh, nun habe ich gerade zum ersten Mal Euer „Institut“ besucht, nachdem ich Entzugserscheinungen von Deinem Corona-Tagebuch hatte. Danke für Euren link. Dann habe ich Euch – Boning & Urig – gleich auf facebook weiter empfohlen/gepostet…und in überschäumender Freude dem Institut in meinem Kommentar einen neuen Namen verpaßt. …“Institut für Putzphilosophie“ – ich hoffe, ihr entschuldigt das…irgendwie paßt er doch auch? …Philosophie und Poesie reichen sich die Hände. 😉

  2. Guten Morgen Wigald 🙂Das Herbert Feuerstein tot ist, erreichte mich auch gestern. Ich bin sehr traurig.😢 Er hat so tolle Sachen gemacht. Allein Schmidteinander unvergessen 🥰 Soviele schöne Stunden in Bd viele Lacher, hat mir dieser kleine, aber ganz feine Kerl entlockt. R.i.P lieber Herbert 🌈🕯️

  3. Lieber Wigald,
    Ich hoffe ich darf Sie mit Vornamen anreden. Ich kenne Sie schon so viele Jahre und ich habe immer Wigald gesagt und dabei würde ich es gerne belassen, wenn ich darf?
    Wie sehr freue ich mich das Sie mich auch weiterhin an Ihrem Leben und das Ihrer echten Familie und Freunden teilhaben lassen. Ihre Verabschiedung hatte mich doch traurig gestimmt, genoss ich doch jeden Tag Ihre Tagebucheinträge und war (fast) immer eine Freundin im Geiste. Nun kann ich Ihnen weiterhin folgen. Ich freue mich.

  4. Oh nein. Feuerstein?
    Jetzt bin ich auch traurig. 😢
    Aber schön, dass du dich gemeldet hast. Ich followe euch dann mal.
    Du hast mir tatsächlich gefehlt.
    Gurgelnde Grüße ausm Oberbergischen

  5. sieht schön aus hier. Auch wenn eigene Webseiten von Einzelpersonen heute ja total Oldschool sind. Man macht das zwar so als Visitenkarte und Anlaufstelle, aber selbst bei großen Firmen sind die Besuchszahlen auf YT und Co dann wesentlich höher… ich als fast gleichaltriger musste das auch erst lernen ….was nicht heisst, dass ich nicht trotzdem auch eine eigene Seite mache.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Die Putzpoeten