Wigalds Tagebuch

Die Don‘t-Knoff-Hoff-Show

Vor einigen Jahren, in unernsteren Zeiten, liebäugelte ich mit einem Buchprojekt, das einen Klassiker der Ratgeberliteratur auf die Schippe nehmen sollte, nämlich „Sorge Dich nicht, lebe!“ von Dale Carnegie. Meine Version sollte „Sorge Dich nicht, sterbe!“ heißen und wurde nie geschrieben, aus diversen Gründen. Es ging schon los mit dem Titel. Korrekt müsste es natürlich „Stirb!“ heißen, und ich hatte vor, bereits im ersten Kapitel genau hierauf einzugehen. Perfektionismus, so plante ich zu behaupten, sei eine Wurzel des allgemeinen Unglücks, und die Verwendung einer falschen Befehlsform zeige eben diesem üblen Perfektionismus eine lange Nase und sei daher für ein Buch über Sorgenfreiheit genau der richtige Ansatz. Die Argumentation kommt mir noch heute recht schlüssig vor, und doch würde das Buch heute eher auf den Grabbeltischen als in den Patientenbüchereien der großen Krankenhäuser landen. Oder?

Bei gestern 4000 Neuinfektionen in Deutschland geraten Aufrufe zur Lockerheit, zur Entspannung mitunter etwas verkrampft. Und nicht nur die Ansteckungsgefahr steigt, sondern auch das Wasser. Die Münchener TZ schreibt auf Seite drei alarmiert: „Wasser“, und darunter, kleiner: „45 Keller überflutet“. Die Ursache der Schwabinger Dauerdurchfeuchtung sei unbekannt, rechtfertigt die Stadtverwaltung ihre Untätigkeit. Es handele sich „um das Zusammenspiel einer Vielzahl von Faktoren“ – Nichts genaues weiß man also nicht. Das Im-Dunkeln-Tappen haben wir mittlerweile drauf und können unser Don’t-Know-How nunmehr auch in überfluteten Kellern walten lassen. Einer der angenehmen Aspekte der Pandemie ist, dass sie uns stoisches Achselzucken antrainiert, in der durchseuchten Luft, auf der erwärmten Erde oder eben auch im stehenden Wasser. Unfreundliche Umweltbedingungen ohne Hoffnung auf schnelle Abhilfe zu erdulden, kann in den kommenden 100 Jahren wieder zur Kernkompetenz werden.

Berlins Bürgermeister Müller nennt Söder den „deutschen Trump“. Das ist die dicke Bertha unter den politischen Beleidigungen. Würde mich nicht wundern, wenn das Beherbergungsverbot von Berlinern in Bayern jetzt bis zum Sanktnimmerleinstag bestehen bleibt, so wie die Sektsteuer, ursprünglich eingeführt, um die Dicke Bertha und andere Geschütze für den Ersten Weltkrieg zu finanzieren. Nicht ausgeschlossen, dass in 100 Jahren neugierige Berliner fragen, warum eigentlich Bayern für sie nur im Wohnmobil oder in vergleichbaren Privatbetten zu beschlafen ist. Historiker werden in „Wissen macht AHA“ interviewt und erklären, dass es zu Beginn der berühmten 100-jährigen Pandemie ein paar merkwürdige Vorfälle gegeben habe…

Trump wiederum (der „amerikanische Söder“) weigert sich, das nächste TV-Duell online stattfinden zu lassen, und ich kann ihn gut verstehen: Während einer Zoom-Konferenz gehe ich am Vormittag zum Kühlschrank, und just, als ich mir heimlich ein Eiskonfekt genehmigen will, fliege ich aus der Leitung. Wenn das WLAN im weißen Haus so schlecht ist wie das meinige, würde ich kompromittierende Leitungszusammenbrüche meiden und stattdessen lieber ohne den ollen Biden im Nacken den Kühlschrank plündern.

Als Teresa nachmittags mit den Kindern draußen ist, schaue ich mir ein Blockflöten-Tutorial auf YouTube an, in dem die Technik des „Flattement“ erklärt wird: ein Pseudovibrato, welches von den Fingern erzeugt wird, die sich regelmäßig den offenen Löchern nähern und sich wieder entfernen. Als ich die Technik anschließend selber versuche (und scheitere, natürlich), erheitert mich mein Unvermögen so sehr, dass ich mich in einen monströsen Lachanfall verstricke, der sich erst in den Abendstunden legt. Mögen die Krisen noch so spitze Zähne zeigen – hast Du eine Blockflöte, kann Dich kein Kümmernis ereilen.

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13 Antworten

  1. Gefunden! Wusste doch das es irgendwann, irgendwo, irgendwie weiter geht. Da fällt mir das Lied ein der Comedian Harmonists….

  2. Da habe ich all meinen Geist in einen bedeutenden Beitrag investiert (Motto: Deine Posts machen mehr Spaß als die Gedichtinterpretationen, für welche ich meinen Enkel coache) und nun ist er weg. Ich denke, Askimet der oberschlaue Spamwächter kann mich nicht leiden.

  3. „Und nicht nur die Ansteckungsgefahr steigt, sondern auch das Wasser“ – wie heißt diese Form der inhaltlichen Überleitung literaturwissenschaftlich? Ich coache am Wochende meinen Enkel für eine Gedichtsinterpretation…. Hölderlin oder ähnliches wird es wohl werden. Ich denke einer Deiner mehr als 190 Tagebucheinträge würde allen Beteiligten mehr Freude machen.

    1. Huch, kalt erwischt. Kann ich Dir leider nicht sagen, nenne sowas im Alltag ganz unbedarft „Überleitung“.
      Grüße an den Enkel!

  4. Heute bin ich spät dran- aber warum ich angesichts deines Versuchs, ein Flattement zu erzeugen, an Herbert Feuerstein denken muss und seine Nasenflöte, weiß ich nicht, keine Ahnung- aber ich bin neugierieg und muss mal meine Blockflöte herausholen, um mich ebenfalls an einem Flattement zu versuchen. ich berichte, wie es mir ergangen ist.
    Wünsche dir und Teresa noch einen schönen Tag!

    p.s.: Ich sitze heute am PC und kann leider keine Emojis schicken, ich habe gestern beim Küchenputz doch mein Handy im Putzeimer vesengt

  5. Sorg Dich nicht, stürb – im Krankenhaus 😳
    Schägte dem Arzt die Kronen aus 😂
    Don‘t-Know-How ist mein Wort des Tages, aber beim „Wissen nacht AHA“ tausche ich ein „m“😉

    Das mit dem Icon auf dem SchmachtHome war eine gute Idee, bleibt gesund 💚🍀

  6. Ich sehe schon, es wird langsam Zeit die Blockflöte hervorzukramen, denn Lachen ist neben Schlafen bekanntlich die beste Medizin….
    Wir lehren Corona die Flötentöne! 😅

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