Wigalds Tagebuch

Der Fortschritt ist eine Schnecke

Drei Uhr wach, um vier Uhr stehe ich auf und laufe die Klingenbergstrasse entlang zur Bahnhofsallee, rechts ab Richtung Sandkruger Straße und am Osternburger Kanal zurück. Eine der Traditionsrouten, die ich in den letzten Tagen besucht habe. Am Kanal lässt sich eine zarte Dämmerung erahnen, und wattiger Nebel liegt über der Buschhagenniederung. Als Frosch lief ich noch steil bergauf und bergab, mit Vorliebe zur Höckerlinie, das war herrlich, aber nicht weniger himmlisch sind die Deiche an Hunte und Lethe, und als ich vorgestern am Querkanal vorbeischneite, dachte ich, wie immer an diesem Ort, an Norbert Gerdes, der mir ca. 1980 von den vielen fabelhaften Schleien vorschwärmte, die er in diesem Gewässer ausgemacht hatte. An der alten Militärbadeanstalt wiederum denke ich an den Aland, den ich in einer warmen Nacht fing, und dem es gelang, die Schnur so vermaledeit um eine Baumwurzel zu takeln, dass ich längere Zeit bis zum Nabel im Wasser zubrachte, um Geschirr und Fisch zu bergen.

Österreich kündigt neue Ausgangsbeschränkungen an. Zum zweiten Mal nach März. Hach, die Sache langweilt mich. Immer die gleichen Viren, Fragen, Diskussionen. Wir kennen jetzt alle sämtliche Argumente, alle Streitigkeiten wurden ausgefochten, in Frankfurt durfte die Polizei ihren Wasserwerfer gegen Querdenker und deren Gegner richten. Gähn, gähn, gääähn.

Meine Frau reicht mir einen Artikel rüber: Das Ordnungsamt in Brandenburg an der Havel will Posaunisten mit einem Bußgeld belegen, weil sie im öffentlichen Raum zum Martinstag traurige Lieder anstimmten. Das Problem scheint Zusammenrottung zu sein, wie das bei musizierenden Zeitgenossen gerne mal vorkommt. Nein, richtig empören kann ich mich nicht, außer, dass Brandenburg bei mir seinen positiven Ruf partiell einbüßt, natürlich. Langweilige Teutonen-Posse.

Schon jetzt lässt sich konstatieren, dass dem Frühlingslockdown eine Frische, ein Neuigkeitscharakter innewohnte, der dem jetzigen Geschehen abgeht. Mag auch mit dem Wetter zusammenhängen und der Unausgewogenheit; Leuten wir meiner Frau, deren berufliche Existenz faktisch vernichtet wird, erscheint der Begriff „Solidarität“ wie ein Tritt in die Weichteile, während man schon am Boden liegt, und so denkt sie auch zunehmend radikal über gewisse Aspekte des Infektionsschutzes. Und weil das Gefasel von der Solidarität so verwaschen klänge, äußert sich zb Hubertus Heil gar nicht mehr in diese Richtung und beweist so wenigstens seine Pietät.

Im Oldenburgischen Hauskalender 2021 lese ich einen interessanten Artikel über „Dr. med. Jonas Goldschmidt und die Volksmedizin“. Der Arzt trug bis 1854 ländliche Anwendungen gegen Krankheiten zusammen, etwa Franzbranntwein, Basilikum plus Schweineschmalz gegen Narbenschmerzen, Sepiaschale gegen Milcharmut bei stillenden Müttern, Steinklee bei Drüsengeschwülsten, Spinnweben bei Blutungen (blutstillendes Fibrin!) und Nacktschleckenschleim gegen Husten, der noch heute als „Schnecken-Extrakt-Sirup-Hotz“ in der Apotheke erhältlich ist (Firma Cheplapharm). Notiz an mich: Unbedingt ausprobieren (ich habe zwar so gut wie nie Husten, aber heute fahren wir nach München; der Zug ist laut App gut gefüllt, theoretisch kann man sich da durchaus einen Husten einhandeln).

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3 Antworten

  1. Hallo Wigald und die, die dies lesen,
    Schneckenschleim muss wirklich einiges bewirken! Ich habe eine kleine Dose Augenfaltencreme mit Schneckenschleim. Aus China, nach sehr alter Tradition gemischt. Die ist besser als all das hochgelobte Zeugs aus Germany. Allerdings echt schleimig….zum Einschleifen eben😛.
    Hoffentlich übersteht ihr die Zugfahrt ohne Schäden. Man kann ja nicht lüften und die Maske wird lästig von Stunde zu Stunde.
    Lenkt euch ab und denkt nicht an Morgen, Montag. —<wenn sich die Landesherren für den Dezember Lock Up/ Lock down…rauf und runter wieder etwas zu unserem Wohl einfallen lassen.
    Bleibt stark , optimistisch, kreativ und vor allem gesund.😷

  2. Moin Wigald ☺️
    Bleib lieber gesund, anstatt in im Ernstfall auf Schneckenschleim zurück greifen zu müssen. Mir dreht sich schon beim Lesen der Magen um. Ob ich mir Spinnenweben auf Wunden legen muss, weiss ich auch nicht so genau. Hört sich sehr obskur an.

    Wünsche dir und Teresa noch einen schönen Sonntag 💐

  3. Nacktschnecken hatte ich bis letztes Jahr genug, um nicht zu sagen mijunen zu viel.
    Dieses Jahr sind sie vor Corona geflüchtet. Oder war‘s die Trockenheit?
    Bleibt gesund trotz Zug🍀

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