Wigalds Tagebuch

Vom Recht auf Dreistelligkeit

Wenn man sich vor Augen führt, dass die Pest bis zur Einführung der Antibiotika 40-60% der Betroffenen das Leben kostete und Corona eher 1 %, dass jedoch die durch diese Krankheiten verursachten Erschütterungen durchaus vergleichbar scheinen, könnte man den Eindruck haben, dass der Mensch heute deutlich ungerner stirbt als etwa im Mittelalter.

Woran könnte die vermeintlich höhere Bereitschaft zum Ableben liegen, damals, als es noch kein McDonalds und kein Netflix gab? Oder ist dies bereits die Antwort?

Bei Hieronymus Bosch lernen wir, dass die Phantasie der Kreativen im Entertainment-Sektor sich nicht hinter den heutigen Kollegen verstecken musste, über mittelalterliche Schnellrestaurants wissen wir hingegen zu wenig, um sie zu beurteilen. Fest steht allerdings, dass auch die Ritter gegessen haben, und zwar vornehmlich mit den Händen, aus Praktikabilitätsgründen auch im Sattel, weil der Abstieg in Rüstung gar zu beschwerlich war. Man kann daraus schließen, dass es womöglich keine Drive-Ins, wohl aber Ride-Ins gegeben haben könnte.

Was sich sehr geändert hat, ist die ärztliche Versorgung. Brustkrebs-Vorsorgeuntersuchungen waren bei Karl dem Großen ebenso unbekannt wie Titan-Implantate im Mundraum, und auch die AOK-Gesundheitskarte wurde nicht flächendeckend akzeptiert. Selten las der mittelalterliche Illustriertenfreund Artikel, in denen Zukunftsforscher über das „ewige Leben“ philosophierten, eher schön hörte er Pfarrer eben dieses predigen.

Der Tod war präsenter, war schon am Wochenbett tatendurstig, raffte schon ohne die Pest Otto Normalverbraucher dahin, bevor diese bis drei zählen konnte. Heute ist der Sensenmann nicht nur unerwünscht, man tut so, als gäbe es ihn gar nicht mehr. Sensenmann? Ist das nicht sowas wie Büchsenmacher oder Böttcher? Ein ausgestorbener Beruf?

Wer auf der Höhe der Zeit ist, stirbt am besten gar nicht, und wenn, dann „selbstbestimmt“, und auch das Altern ist problematisch: Wenn überhaupt, dann wird man zum „Best-Ager“, „fühlt sich besser als mit 40“, weil ja 80 das „neue 60“ ist. Und wer das Pech hat, ausgerechnet gegen diese gesellschaftliche Konvention zu verstoßen und sichtbar abbaut, eventuell sogar dementiert, der gehört ins Heim und lässt sich dort diskret Richtung Tod pflegen.

Es gehört zu den kernigsten Leistungen Papst Johannes Paul II., seinen Zerfall ganz unverschämt öffentlich sichtbar gemacht zu haben, aber unsere „entwickelte“ Gesellschaft reagierte mitunter verstört, jedenfalls konnte sich das Konzept des transparenten Alterns, Sterben inklusive, auch unter seinem Einfluss nicht durchsetzen.

Wie geht’s nun weiter? Als erstrebenswert gilt das ewige Leben. 100, 110 zu werden, und zwar „körperlich unversehrt“, wird Mainstream, zum einklagbaren „Recht“, so wie der Kita-Platz. Die Gesellschaft ist angehalten, alles möglich zu unternehmen, um dieses Recht durchzusetzen, und alle Gebrechen, alle Seuchen, die diesem Ziel im Wege stehen, sind Rechtsbrecher und müssen erbarmungslos verfolgt werden. Corona wird man bis dahin im Griff haben, aber auch simple Erkältungsviren können einem 107-jährigen einen Strich durch die erhoffte Lebenserwartung machen. Also wird der Kampf gegen krankmachende Aerosole noch raffinierter, noch umfassender geführt, mit Luftfiltern, die reine Gase hinterlassen, wenn nicht sowieso jeder Langlebenswillige mit eigener Sauerstoffatmosphäre aus dem Plexiglashelm versorgt wird, auf Rezept, und das Konzept „Berührung“ gesellt sich zu Spinnrad und Ritterschlag, auf dass künftige Generationen mit dem plexiglasumhüllten Kopf schütteln und dabei raunen können: „Unvorstellbar, wie diese armen Teufel damals gelebt haben. Und am Ende, stell dir vor: sind sie gestorben! Au weia!“

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2 Antworten

  1. Moin Wigald ☺️ Besser kann man es garnicht in Worte fassen! Manches ist schon ziemlich obskur. Immer besser, als gelte es denn Allmächtigen auszutricksen. Sicherlich ist Vorsorge und Vorsicht nicht schlecht, aber man will irgendwie schaffe ich es nicht, es in Worte zu fassen, das man nichts mehr dem Zufall überlassen möchte, alles übers Optimum optimieren möchte. Jeder Schritt geplant, und manches, natürliche Dinge Arten derart obskur aus, da fragt man sich, wie die Menschheit bis heute überleben könnte und es sogar geschafft hat, sich zu erhalten. Ich denke da an Schwangerschaft und Geburt. Heidewitzka, schon erstaunlich. Wie man früher Kinder bekam, es dem Zufall überlassen hat, heute kann man bereits ein ganzes Arsenal zur Zeugung kaufen. Sicher gibt es auch einige, bei denen es nicht klappt, aber heute hat man den Eindruck, es sei schwierig und derart komplex, ein Kind zu zeugen. Weiter geht es mit Schwangerschaft und Geburt.🙈 Das Schwangere überhaupt noch essen, und nicht nur noch per Dauerinfusion ernährt werden, damit nichts dem Kind schadet. Und all die Untersuchungen…einiges nicht schlecht, aber was man im Vorfeld schon bestimmen kann ,manchmal einfach gruselig 🙈 Und schaut man sich den Vorgang des Gebärens an, gestiegene Kaiserschnittraten etc.dann fragt man sich, warum es immer noch keine Fabriken und Kataloge gibt, in dem man nach 10 Monaten das zuvor ausgesuchte und bestellte, fertige Kind abholen kann.
    Und da kommen wir wieder zur Eingangsfrage, wie ging das bloss früher? Warum hat die Menschheit überlebt und sich gar vermehrt?
    Wünsche dir und Teresa noch einen schönen Tag 💐

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