Wigalds Tagebuch

Baby I don‘t care

Söder reduziert die Höchstkapazität in bayerischen Kultureinrichtungen auf 50. Langsam werde ich richtig sauer. Das ist der Ministerpräsident, in dessen Land ich mein blaues Thermen-Wunder erlebte, der Anwalt des Bundesligafußballs, gelernter Journalist, laut SZ-Porträt Hypochonder, der Meister aller Klassen, der die Kollegen im Norden zurechtweist und dabei nicht besser dasteht, was die Zahlen angeht – im Gegenteil. Nun predigt er Vorsicht, und das ist auch schon einer der Hauptgründe dafür, dass ich nicht zu ungerechten, albernen Injurien greife wie Gröfraz, größter Franke aller Zeiten.

Ein CDU-Bundespolitiker erklärte mir unlängst privat, dass Söder eher nicht Kanzler werde. Wenn es nach der CDU gehe, sehr gerne, aber die CSU habe ja auch noch ein Wörtchen mitzureden, und die vielen ortstreuen Funktionsträger der CSU haben keine Lust, den Garanten ihrer Landtagsmandate etc an Berlin zu verlieren. Söder könne erst dann Kandidat werden, wenn für ihn ein zufriedenstellender Ersatz gefunden sei, erklärte mein Informant. Ilse Aigner wäre geeignet, ist aber seit 2018 Landtagspräsidentin und fühlt sich in ihrem Amt sehr wohl. Also müsse Söder eben zuhause bleiben. Hoffen wir mal, dass die Analyse fundiert ist, denn kraftstrotzende Patriarchen gibt es bereits viele; gerade hat Erdogan zum Boykott französischer Waren aufgefordert, weil Macron nach der Enthauptung des Lehrers Samuel Paty mit neuem Elan den Islamismus angeht. Leute wie Erdogan (oder Putin, Trump, und was da draußen an Testosteronisten eben rumläuft) unterschätzen aber meine Entschlossenheit, mich an die Seite Frankreichs zu stellen, wenn’s drauf ankommt. Auf mich trifft nämlich das Zitat von Thomas Jefferson zu: „Jeder Mensch von Kultur hat zwei Vaterländer: sein eigenes und Frankreich“ – vielleicht für immer, auf jeden Fall jedoch, solange Macron Präsident ist. Und meine Hybris ist derart grotesk, dass ich ernsthaft davon überzeugt bin, dass ein Erdogan keine Chance hat, Frankreich ernsthaft zu schaden, weil es mich ja auch noch gibt. Ja, so geht Größenwahn, seufz, und in der Realität muss ich tatenlos zuschauen, wie Söders hölzerne Symbolpolitik meinen Kollegen, meiner Frau ihre Existenzen raubt. Mit dem Mozart-Requiem in Mondsee wurde meiner Frau gestern ihr letztes Konzert abgesagt, das 25., wenn ich mich nicht verzählt habe. Eines Tages werde ich es ihm heimzahlen, weiß nur noch nicht, wie – und dabei gehört Mondsee zu Oberösterreich und mitnichten zu Bayern, hoho. Ja, so klingt das, wenn ich wütend bin: ein grantig schnatternder Enterich, ein schief gewachsener Giftpilz im Unterholz des Corona-Schutzwaldes.

Apropos. Gestern bereitete ich meine vierte selbstgesammelte Pilzmahlzeit zu: einen voluminösen, alten Parasol, der mir, weil ich mich beim Braten allzu angeregt mit meiner Frau unterhielt, in der Pfanne anbrannte. Trotzdem schmeckte er ausgezeichnet, und wenn ich nicht irre, war dies meine Riesenschirmlings-Verzehr-Premiere.

Noch wenige Tage bis zum zweiten Lockdown. Zeit für die Winterreifen. Wo hatte ich die Pendlerbescheinigung für die Hütte doch gleich hingelegt? Was arbeite ich mich am armen Söder ab, es gibt ganz praktische Dinge, die erledigt werden wollen. Wollte ich nicht abgenagte Maiskolben fürs Plumpsklo horten? Neue Schneeschuhe liegen parat, die alten wurden mir geklaut, nachdem ich sie während des ersten Lockdowns arglos außen an die Hüttenwand gelegt hatte. Ja, es gibt nicht nur Corona, sondern auch noch die ganz herkömmliche Kriminalität, sogar über der Baumgrenze. Und dann gibt es noch den thailändischen König im Garmischer Sonnenbichl-Hotel, und die Demonstranten in Bangkok belagern die deutsche Botschaft und fragen, wie lange Deutschland dem Treiben ihres Monarchen eigentlich noch zuschauen möchte? Das Sonnenbichl scheint de facto ein Regierungssitz des Königs zu sein, und es gibt bestimmt Funktionsträger der CSU, aber auch anderer Parteien im Garmischer Gemeinderat, die seinen Aufenthalt für wirtschaftlich unverzichtbar, sozusagen systemrelevant halten, ähnlich wie die Therme für Bad Wörrishofen, jedenfalls systemrelevanter als irgendwelche Kultureinrichtungen, pah.

Ausschreitungen in Italien. Die Leute wollen sich nicht wieder einsperren lassen, sie murren. Ausgerechnet in Italien, guck an. Im Grunde bräuchte niemand einen staatlich verordneten Lockdown, denn jeder weiß, wie Corona niedergerungen werden kann. Ansteckungen vermeiden, und das Virus ist arbeitslos. Babyeierleicht, wenn man denn will.

Elvis wiederum schaut all dem zu, tätschelt sich seinen runden Bauch und singt „Baby I don‘t care“.

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3 Antworten

  1. Moin Wigald ☺️

    Ich kann deinen und Teresa Unmut gut verstehen. Geht mir und vielen anderen nicht anders. Es ist unglaublich , was mittlerweile abläuft. Gestern habe ich einen Bericht gelesen, über neue Gesetze in Hamburg. Wenn die Coronapolizei klopft. Wohnungen dürfen wider Artikel 13 des deutschen Grundgesetzes ohne richterlichen Beschluss nach Coronaverstössen durchsucht werden und auch Denunziantum wird wieder neu belebt. Ich sage nun lieber nicht, an was mich das erinnert.😠 Es ist schlimm, was mittlerweile abgeht. Ich sage lieber garnichts mehr, du hast Recht, praktische Dinge wollen erledigt werden. Ich muss gleich noch einkaufen, damit meine Kinder eine zünftige Mittagsmahlzeit auf dem Tisch haben. Es wird ja wieder gehamstert. Früh losfahren lohnt sich also.

    Wünsche dir und Teresa trotz allem einen schönen Tag 💐

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