Wigalds Tagebuch

Frau im Spiegel

Langfristig wird das Alleinsein sich eines neuen Images erfreuen: Eremitage ist besser als Kloster, das Selbstgespräch ersetzt den Dialog, Einsamkeit wird zu einem Gefühl, das Dir signalisiert, alles richtig gemacht zu haben, so wie der Muskelkater beim Training. Stolz auf deinen Schmerz darfst Du durch die Fenster den vermummten Flaneuren hinterherschmachten. Falls die Flaneure ausbleiben, je nach Gewichtsklasse künftiger Lockdowns, tun’s in den Haushalten der Vermögenden aufwändige 3-D-Projektionen, im Mittelstand Flachbildschirme, auf denen das knisternde Kaminfeuer durch Menschenmassen ersetzt ist, die sich durch die engen Gassen von Marrakesch schieben, und in den Kemenaten verarmter Gastronomen und Alleinunterhalter sorgen Spiegel für das Gefühl, nicht immer ganz allein zu sein.

Meine Oma legte Patiencen, und dieser Beschäftigung mit dem programmatischen Titel steht eine Wiedergeburt bevor, mit realen Karten, nix digital. Selbst für dieses eher bedächtige Spiel ist mein Internet nämlich nicht schnell genug, ich habe gar den Eindruck, dass es immer langsamer wird. Nur spärliche Datenrinnsale tropfen aus der Leitung. Woran mag das liegen? Hat die Dürre in diesem Sommer nicht nur die Bäche, sondern auch die Netze ausgetrocknet? Magenta ist für mich die Farbe der digitalen Ewigkeit. Ladebalken wie Salzsäulen. Im Buch Mose 19,26 verbietet Gott jedem, einen Blick in die brennende Stadt Sodom, dieses lasterhafte Internet zu werfen; wer es dennoch tut, wartet ewig vorm Rechner. Lots Frau. Analot.

Puh, ich segle durch trübe Wasser. Wird Zeit, dass der Lockdown kommt, ich bin richtig stubenfiebrig. Ausgehungert, will den Schlüssel dreimal rumdrehen und im Klo versenken. Antigone droht die Einmauerung, wir heutigen können nicht verstehen, dass es sich bei Sophokles um eine Strafe handelte. Lasst uns hinter Ziegeln verschwinden; wer partout nicht anders kann, darf gerne seine Frau und/oder sein Sky-Abo mitnehmen.

Auch die Selbstbefriedigung sollte neu gewürdigt werden, als die infektionssicherste Spielart der Erotik. Entscheidend ist natürlich, dass nicht der andere Mensch der gedanklichen Inspiration dient, denn sonst erwacht früher oder später der Wille, nicht nur am eigenen Körper herumzuspielen, sondern auch am fremden. Epidemiologisch begrüssenswerter (und somit solidarischer!) ist die echte Autoerotik, die den eigenen Körper preist, sich vom eigenen Hüftschwung verzaubern lässt. Gelobt sei das Ich! Leben wir nicht sowieso im narzisstischen Zeitalter? Wenn schon egoman, dann richtig – zum Wohle der Risikogruppen!

Und wovon sollen wir leben? Ich setze auf Robotik. Überlasst alle Arbeit KI und ihren eisernen Knechten, auf dass wir in unseren Verließen bleiben können. Sind wir nicht, was die Müßiggangbar-Machung des Menschen angeht, weiter als in Sachen Impfstoff? Seid realistisch, eingemauert braucht diesen niemand. Lasst sie uns Kohl und Cola durch die Klappen zuschieben, und uns schmatzend und schluckend an uns selbst ergötzen! Guten Appetit und gesegneten Rückzug allerseits!

(Um hier nicht als Miesepeter wahrgenommen zu werden: Es gibt auch gute Nachrichten. Der Berliner Flughafen ist fertig, hurra, neun Jahre später als gedacht. Die Verzögerung dauerte etwa so lange, wie man normalerweise für die Entwicklung eines Impfstoffes braucht…)

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3 Antworten

  1. Ich empfehle da jetzt einfach mal als erotische Spielart zum Schutze aller die „Fiktosexualität“ 😂
    Die kannte ich bis vor ein paar Tagen auch nicht, aber Dank der Sendung „Domian“ lernt man ja nie aus. Ich habe jedenfalls sehr geschmunzelt!

  2. Moin Wigald ☺️

    Ich hoffe sehr, das sich das bald ändert. Auch deshalb war ich ja gestern auf der Demo, auch das kam gestern zur Sprache. Die Einsamkeit, das Social Distancing. Ist doch viel schöner und ruhiger, den Computer oder Fernseher anzuschalten und sich Menschen dort anzuschauen…Ironie on. Deshalb begreife ich ja nicht, bzw. Ich will es nicht begreifen, was einige Muttis dazu bewogen hat, die ausfallenden Martinszüge damit zu kompensieren, in dem sie die Laternen in die Fenster hängen. Findet in einigen Städten soviel Anklang, das sogar Geschäfte mitmachen! Ein toller Trost für die Kids. 😣👌Zug verboten, aber an Muttis Hand durch die Strasse ziehen, und sogar in Geschäften die Laternen betrachten. Allein hier sieht man wie Kinder auf der Strecke bleiben. Und wo ist der Sinn? Wenn es nichts mehr zu essen gibt, nehmen wir einfach Bilder aus Kochbüchern als Trost. Soll ich den Fussball daneben die Kumpels aus dem Verein als Bild mit Licht schön beleuchtet als Trost für meinen Sohn auch ins Fenster hängen? Das er nicht mehr spielen darf? Vereinssport und Freunde treffen ja verboten. Und die Geschenke für den Fussballtrainer, der ja diesen Monat Geburtstag hat, die wir als Eltern besorgt haben, hängen wir auch ins Fenster. Mit Licht dazu. Schönes Foto und als Trost und Zeichen ihm geschickt. Ich kann es echt nicht glauben, was mittlerweile abgeht. Und ich kann und will es auch nicht verstehen. Auf den Martinszug dürfen die Kinder nicht oder im Verein, in den Schulen und Schulbusse morgens und mittags knuddeln sie sich. Macht das Virus da halt? Ich kann und will das alles nicht mehr verstehen und nachvollziehen.

    Wünsche dir und Teresa trotzdem einen schönen Sonntag 💐

  3. Magenta als Farbe der digitalen Ewigkeit … bei mir – sei‘s gedankt – fluppen die bits&bytes durch die Glasfaser, wär sonst auch doof mit dem Homeoffice, morgen Tag 108 oder so. Dienstag muss ich hin, zum dritten Mal seit 19.März, Grippeschutzimpfung 💉 von der Firma. Hab ich noch nie gemacht, aber wird so empfohlen und der Göga ist 6 Jahre älter und die Ma wird 84, da will frau doch niemanden gefährden (und parat stehen, wenn gebraucht).
    Einmauern lassen würd ich mich nicht wollen. Wir haben einen großen Garten, wenigstens da muß ich rein raus können. Gestern noch die letzten 15kg Elstar aus dem Baum geholt, 5-6m oben von der Leiter aus, nicht schwindelfrei – DAS sind die wahren Abenteuer des Lebens. Aber gleich erst mal wieder in den Wald 🌳
    Bleibt gesund und tröstet Euch an/miteinander und gegenseitig ❤️

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