Wigalds Tagebuch

Im Sommerhaus des Lebens

Eines der Worte des Jahres 2020 ist gewiss „Triage“, und wieder wird über ein Gesetz nachgedacht, in dem die Kriterien, wer im Falle der Überlastung des Gesundheitssystems bevorzugt behandelt wird, verbindlich festgelegt werden.

Mir ist der Vorgang, um den es geht, nicht ganz neu. 2008 besuchte ich das Feldlager der Bundeswehr in Faisabad in Afghanistan, und jeden Mittwoch gab es eine Sprechstunde für Zivilisten, zu der die Sanitätsabteilung einlud (obwohl dies vom Einsatzführungskommando gar nicht vorgesehen war). Am Vormittag standen also einige Dutzend Menschen am Tor des Lagers, alle Altersklassen waren vertreten, die Ärzte kamen raus, begutachteten die Malaisen und nahmen mit, wen sie für behandlungswürdig oder besser: -fähig hielten. Ein Vater etwa kam mit seiner Tochter im Vorschulalter, die sich am Fuß verletzt hatte. Die Wunde hatte sich entzündet, und eine Beinamputation war vonnöten. Nach der OP saß ich in der Lagerkantine und ließ mir vom Arzt seinen Gedankengang erläutern. „Eigentlich“, sagte er, „hat ein Mädchen mit nur einem Bein in dieser Gegend keine Chance“ – „Warum?“ „Weil sie auf dem Heiratsmarkt nicht zu vermitteln sein wird“ – „Und dann?“ – „Dann wird sie verschwinden. Das ist hier in Badachstan so üblich, und Einwohnermeldeämter gibt es nicht, es würde also niemand etwas merken“. Ich schaute ihn mit großen Augen an; er sprach offenkundig von Mord. Und warum hat er ausgerechnet ihr geholfen? Der Arzt, ganz aufgeräumt: „Der Vater hat geweint, er hängt an ihr“.

Eine harte Geschichte, ich weiß. Aber im Alltag des Bundeswehrarztes nicht außergewöhnlich. So ist die Realität in weiten Teilen der Welt, nicht nur im armen Norden Afghanistans. „Triage“ klingt nach einer längst überwundenen Zeit; vor allem für uns Bewohner der „entwickelten“ Welt ist der gedankliche Grusel vor allem Folge unseres Wohlstands; die Überflussgesellschaft stellt ihren Mitgliedern neben Kalorien und Schulabschlüssen auch Behandlungsplätze im Überfluss zur Verfügung. Der Überfluss entbindet auch von der Beschäftigung mit der Frage, wer im Zweifel auf der Strecke bleiben soll – eine Frage, mit der man sich umso weniger gerne beschäftigt, als dass bei uns der Tod ja eh tabuisiert wird, man das Sommerhaus des Lebens nur ungerne sehenden Auges, gleichmütig, womöglich sogar lächelnd verlässt.

In manchen Ländern, so las ich, spielt das Alter eine Rolle (was ich nachvollziehen kann), in anderen, etwa Norwegen, auch der Beruf des Patienten („Systemrelevante“ werden bevorzugt behandelt). Auch ob jemand Kinder hat bzw alleinerziehend ist, gilt in manchen Ländern als Kriterium.

In Deutschland scheut die Politik bisher ein Regelwerk; der Militärarzt in Faisabad orientierte sich an Heilungschancen und einigen sonstigen Parametern, die er, nach eigener Abwägung, für wichtig hielt.

Fernsehabend. Während das Sommerhaus des Lebens eine gar gemütliche Bude ist, kann man beim „Sommerhaus der Stars“ auch anderer Meinung sein. Die miesen Machenschaften hässlicher Fieslinge, genüsslich pointiert vom Misanthropen-Sender RTL, sind ein Plädoyer gegen den Umgang mit „Leuten“, gegen Geselligkeit, ein Appell an die Zuschauer, ihr Glück daheim im Umgang mit sich selbst bzw der Familie zu finden. In Zeiten der Pandemie womöglich gesundheitspolitisch wertvoll!

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2 Antworten

  1. Hallo Wigald,
    nun hab ich wieder nachträglich Deine täglichen Tagebuch- Einträge gelesen…Habe es nicht geschafft, den ICON korrekt auf meinem Startbildschirm zu installieren. Es kommt immer der Tageseintrag mit …wie doof…
    Bezieht sich dann voll auf mich..rein überschriftstechnisch!
    Du schreibst das, was mir auch auf der Seele liegt. Überfluss bestimmt unser Land, unsere Kultur. Überfluss überfordert auch Viele. Menschen, die mit dem Auswählen
    aus all den Möglichkeiten überfordert sind.
    Wie viel Zeit wird einerseits verplempert mit dem anschauen, prüfen… auswählen. Je mehr Auswahl, desto größer die Unsicherheit.
    Oder gar der Stress/ Frust, sich falsch entschieden zu haben. Ganz zu schweigen von der geschilderten Triade…wo es um Leben geht… Ethisch eine unzumutbare Aufgabe für die Ärzte. Wie schwer ist es aber auch, einige Gänge zurück zu schalten. Wenn man mittendrin ist.

  2. Moin Wigald ☺️ Trotzdem widerspricht es sich,wenn lebensrettende Operationen wie z.b. bei Krebs aufgeschoben werden, um Betten für Corona frei zu halten. Da ich vom Fach bin, kann ich Dir sagen, das unser Gesundheitssystem seit Jahren marode ist, kaputt gespart wurde, und Corona dies nun offenbart. Ich denke auch gerade daran, ich glaub es war letztes Jahr, als man von einer Studie dieser neoliberalen Bertelsmann-Stift berichtete, wo demnach angeblich noch zuviele Krankenhäuser in Deutschland sind. Und wie hat man uns doch Beifall geklatscht, aber finanziell hat man uns Pflegepersonal auch nicht bedacht. Seit Jahren herrscht bei uns Pflegenden Notstand. Diese Zustände nun zu kaschieren, in dem man nach Notwendigkeit nun entscheidet, ist für mich ein Unding! Und eigentlich auch nicht vereinbar mit dem Eis des Hippokrates. Ein Arzt hat Leben zu schützen, zu helfen, und nicht zu vernichten oder zu unterscheiden wer wichtiger ist. Ist ethisch auch nicht hinnehmbar. Aber man hat sich ja nunmehr dran gewöhnt, das sämtliche Grundrechte des Menschen gebrochen werden. Auch wenn, und da gebe ich Dir Recht, wir in unserer Wohlstandsgesellschaft gründlich nachdenken müssen und es so nicht weiter gehen kann. Insbesondere der Grundgedanke, das alles selbstverständlich ist, immer zu jederzeit, alles verfügbar und das mit einer Selbstgerechtigkeit bis zum Exzess, gründlich überdacht werden muss. Aber das ist wieder ein anderes Thema, wo ich wieder ganze Bücher füllen könnte. Zu Sommerhaus der Stars kann ich dir nicht viel sagen. Ein unsägliches Trashformat wie Dschungeltv etc. Nein, ich ziehe nicht mit. Gucke ich nicht und werde ich nie gucken. Mich wundert eh, das es solche Formate Erfolg haben. Vielleicht ist das eine Folge der Wohlstandsgesellschaft. Die Leute sind so satt, die denken nicht nach. Keine Ahnung.

    Wünsche dir und Teresa einen schönen Tag 💐

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