Wigalds Tagebuch

Bei den unbeschuhten Karmelitinnen

Dreh im Ebersberger Forst: Es geht um Kommunikation mit und zwischen den Bäumen, und das Ergebnis wird Mitte 2021 in einer ZDF-Show zu sehen sein. Wir treffen uns am Aussichtsturm, und während die Kamera aufgebaut wird, absentiere ich mich sogleich ins Unterholz zur Pilzesuche. Eine Theorie, warum ich neuerdings, so wie viele andere auch, die Schwammerln für mich entdeckt habe: Sie sind mein Äquivalent zum Klopapier, dessen Absatz in den letzten Wochen erneut um 90% gestiegen ist. Vordergründig der Existenzsicherung dienend, steckt dahinter die Angst vor Kontrollverlust (allerdings fand ich Pilze im letzten Herbst auch schon fesselnd).

Nun können Pilze nicht nur gastrosophisch, sondern auch ganz konkret ein Äquivalent zum Klopapier sein, abhängig von der Tauglichkeit der zugeführten Arten. Ich verlasse mich darauf, dass die allermeisten Röhrlinge essbar sind, und da ich annehme, hauptsächlich Maronenröhrlinge in die Tüte zu legen, bin ich recht zuversichtlich, die Mahlzeit zu überleben. Teresa besteht darauf, dass für sie und die Kinder eine eigene Pfanne gefüllt wird, mit rumänischen Steinpilzen vom Marktstand, und so kommt es zu einem denkwürdigen Geschmackswettbewerb, den die Maronenröhrlinge (oder Ziegenlippen?) haushoch verlieren. Meine Mitbringsel schmecken auf verblüffend konkrete Weise nach nichts, aber wo nichts ist, kann ja bekanntlich auch nichts stören. Vielleicht ist „nichts“ die am besten zu dieser einschüchternd ereignisreichen Zeit passende Geschmacksnote – ein Kontrapunkt, ein selbstgesammeltes Gegengewicht zum „Viel“.

Auf der Rückfahrt erzählt der Taxifahrer, dass mit Einführung der Sperrstunde in Bayern letzte Woche sein Umsatz auf 20% des Normalwertes abgesunken sei. Dass er, sein Auto, seine Firma überhaupt noch existieren, habe er nur der Unterstützung durch seinen Vater zu verdanken, berichtet er mit erzwungener Nüchternheit, und seine Fingernägel graben sich dabei konvulsiv ins Lenkrad.

Masterstudent Cyprian gibt am Telefon bekannt, dass er einstweilen in Innsbruck bleiben werde. Es habe erst eine Präsenzveranstaltung gegeben, aber vielleicht sei am Dienstag eine weitere möglich. Ansonsten alles online. Immerhin wohnt er in einer WG, litte im schlimmsten Fall nicht unter Einsamkeit im Lockdown wie sein Bruder in Amberg.

Mozarts Requiem in der Basilika Mondsee ist so gut wie abgesagt, und Teresa ist erneut sehr betrübt. Ich würde ihr jedes einzelne Virus erjagen und in einer dritten Pfanne zu ihren Steinpilzen als Beilage kredenzen, wenn denn dies die Wiederaufnahme des Konzertbetriebes möglich machen würde.

Unsere liebe Freundin Petra schließlich geht ins Kloster bei Wien, zu den unbeschuhten Karmelitinnen. Das ist einerseits sehr traurig, weil wir sie dort nur noch durch Gitterstäbe werden sprechen können, andererseits: Wenn der Ruf gar zu laut ist, muss man ihm wohl folgen. Ich debattiere ausführlich mit ihr, was passieren muss, damit ein solches Abenteuer ge- bzw misslingen kann, berichte ihr von meinen Sporterfahrungen, bei denen ich gewisse Grenzen berührt habe, die auch im Kloster gegenwärtig sein dürften. Die einzige Steigerung wäre die Eremitage, in der man aber, so meint Petra, schnell geistig abbaute. Sie sucht eine Gemeinschaft, die wir ihr leider nicht bieten können, zumal sie, wie sie sagt, mit Jesus Christus verheiratet ist, und Teresa und ich eben miteinander.

Heutzutage ein völlig ungewohntes Gefühl, jemanden aus der permanenten Erreichbarkeit zu entlassen, wahrscheinlich für immer, und ich tue dies mit einem großen Kloß im Hals.

Share on facebook
Share on twitter
Share on email
Share on skype
Share on whatsapp
Share on xing

10 Antworten

  1. Hätte ich das gewusst, dass du am Ebersberger Forst bist.. Da wohne ich doch so ganz in der Nähe… Grummel 😁😁😁

  2. Der Gang ins Kloster ist schon ganz schön extrem, oder? Auf Zeit könnte ich es verstehen. Ich habe momentan auch hin und wider den Drang, mich in eine schützende Gemeinschaft zu begeben. Es gibt nur keine, die weltlich ist. Und religiös bin ich eben überhaupt nicht.
    Aber für immer und so exkludiert von der restlichen Gesellschaft – das ist schon eine extreme Entscheidung. Aber das muß ja jedeR für sich ausmachen.
    Ein bißchen beneide ich sie trotzdem. Gemeinschaft fehlt mir in dieser zerrissenen Zeit. Ich kenne sie noch aus jüngeren Jahren. Und weiß also genau, was ich vermisse.

  3. Ach lieber Wigald Boning, jetzt kommen wir stetig in die „heiße “ Viralzeit! So oder so! Und da wäre ich froh, öfter gescheite und trotz allem lebensbejahende und nicht spinnerte Gedanken lesen zu dürfen.
    Bitte öfter ( täglich ist Druck, aber vielleicht 2- 3 x wö.) Damit wir diese nervige Zeit besser einordnen und durchleben können.
    Wir haben in der ersten Hochphase im Frühjahr einige Monate frei nach dem Jungen Hans-Peter Kerkeling täglich ein Eierlikörchen getrunken und jetzt ist es wieder obsolet, frei nach dem Motto: “ Das Leben muss ja weiter gehen“!
    Ich habe mich entschlossen ,einen Reisenichtantretungsbericht aus der Sicht meines Katers Billy zu schreiben. Der ist nämlich froh, dass seine Leute immer da sind! Na ja, als wir im Juli nach Föhr fuhren ist er aus Protest 15 Tage abgehauen. Da hat sich wohl oft der Igel sein bereitgestelltes Futter munden lassen!
    Dem einen sin Uhl ist dem andern sin Nachtigall!
    Ich freue mich jedenfalls, wieder einmal
    “ boningsche Gedanken“ zu lesen!

  4. Mein Mann und ich stiefelten letztes Jahr durch den Wald und sammelten Pilze. Diese zeigten wir stolz der Campingplatzbetreiberin. Diese meinte lapidar, de san nix. Der Spaziergang und die Kraxelei im Wald zu vermeintlich noch besseren Pilzstandorten war trotzdem sehr schön. Es gab dann Mangold zu den Nudeln.
    Wie schön, wieder von Ihnen etwas zu lesen zu bekommen und wie schade, dass es situationsbedingt ist.

  5. Moin, Herr Boning, Glückwunsch zu Ihrer Entscheidung, nur Röhrlinge zu sammeln in der Tat gibt es nur einen ungenießbaren unter diesen, der aber gut an seinem roten Unterbau zu erkennen ist. Das Problem ist, dass auch andere Lebewesen um den herrlich-nussigen Geschmack dieser Herbstgewächse wissen. Da heißt es dann: selektieren, selektieren… alternativ oder ergänzend empfehlenswert sind Braunkappen, Riesenschirmlinge und Tintenschöpflinge.
    Da unverändert niemand krank wird, die Intensivbetten weitgehend leer stehen, aber auf Teufel-komm-raus Gesunde auf irgendwas (auf was eigentlich, da der PCR-Test nicht zum Virennachweis geeignet ist) getestet werden, kann ich Ihre und Theresas Nöte verstehen. Sollten die Viren irgendwann nicht mehr geglaubt werden, erfolgt mit Sicherheit der Schwenk hin zu Bakterien. Dann werden wir alle zu 100 Prozent getestet werden und entweder uns selbst sofort die Kugel geben, oder nach täglichen Impfdosen zunächst unser Erspartes, später dann unser Leben hingeben.
    Wohl dem, der dann ein einsames, unentdecktes Eremitenleben führen kann…

  6. Als Kind war ich öfters in den 80er Jahren in einer Kinderfreizeit, in der die Erzieher/ Innen haufenweise Pilze gesammelt hatten. Selbstredend haben alle, inklusive Kinder davon gegessen.
    Jetzt mag man über die 80er sagen was man will. Waren alle Mutiger? Unerschrockener? Hat man zu wenig Unterschriften der Eltern eingesammelt und um Erlaubnis/ Absicherung gebeten oder ist mir erst jetzt selbst Kinder großziehend, so verdammt bewusst geworden: Man hatte ich Glück. War kein falscher mit bei….

  7. Moin Wigald ☺️ Also ich kann Teresa sehr gut verstehen. Wir hatten neulich bei der Rheumaklinik auch eine Dachterrasse, wo die Raucher verweilen könnten und da gab es auch Pilze. Leidenschaftliche Pilzsammler wären entzückt gewesen. Ich persönlich rate Dir ebenso zu Vorsicht.

    Wünsche dir und Teresa noch einen schönen Tag 💐

  8. Na hoffentlich wird Petra glücklich! Ich genieße zwar seit 19.3. (gestern zum 104.Mal) mein eremitisches Homeoffice, aber das wär mir doch zu extrem. Und mir fehlt der Glaube, also mir zwar nicht, aber vermutlich als Eintrittsberechtigung 🤔
    Gestern hatte ich wieder soooo schöne große Pilze unter unserer wunderschönen riesengroßen Linde hinten im Garten, aber die Fangemeinde meinte „nicht essen, https://de.wikipedia.org/wiki/Kahler_Krempling“ 😢
    Also: Vorsicht in dem Zoo da draußen und gesund bleiben!

    1. Guten Morgen! Ganz am Anfang meiner Beschäftigung mit Pilzen hätte ich doch fast mal einen Kahlen Krempling mit einem Pfifferling verwechselt. Ist ja gar nicht mal so gesund, sowas. Schönes Wochenende!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Die Putzpoeten live