Wigalds Tagebuch

Lob des schlechten WLANs

Am Wegesrand steht ein Parasol, der, laut Bestimmungsbuch, als Jüngling einem Paukenschlägel gleicht. Es ist unbestreitbar, dass der Pilz vor meinen Füßen wie das Handwerkszeug eines Paukisten aussieht, aber ob das Filzkugel-am-Stil-hafte des Fundes ausreicht, um einen Verzehr für unbedenklich zu halten? Eigenartigerweise schickt am Nachmittag mein lieber Schwiegervater ein Foto, das seinen Terrier mit zwei erwachsenen Riesenschirmlingen zeigt, eine dieser merkwürdigen Konvergenzen, denn normalerweise schicken wir uns keine Parasolfotos hin und her.

Michael Müller (SPD), der regierende Bürgermeister von Berlin, macht auf einer Pressekonferenz aus seinem Herzen kein Halunkenloch. Er hält Grafiken der „Berliner Morgenpost“ in die Höhe, aus denen die alarmierende Lage klar hervorgeht (sofern man Covid nicht für komplett harmlos hält – solche Leute gibt’s ja auch). Er hat auch keine Lust mehr, „sich beschimpfen zu lassen“, und stellt polternd fest: „Wir sind doch nicht die einzigen Doofen!“. Es ist überhaupt das erste Mal, dass ich Müller längere Zeit am Stück zuhöre, und die menschliche Note steht ihm ausgezeichnet. Wahrscheinlich erreicht man das Partyvolk so eher als mit den Worten der Kanzlerin, die sich bereits dreimal in Ansprachen emotional zu zeigen versuchte (ohne mich mitzureißen). Ein junger Mitarbeiter erzählt derweil von illegalen Raves, richtig professionell aufgezogen. Ticketpreis 35€. Ich denke sogleich an Al Capone und die Prohibition, aber das Bild hängt selbstverständlich schief. Besuchern solcher Veranstaltungen werde ich bis auf weiteres jedenfalls das Michael-Müller-Video vorspielen.

Der Bundestag ist in Sachen Corona zu so einer Art Kinderparlament geworden: Die wichtigen Entscheidungen werden von den Erwachsenen getroffen, und kaum ein Kind würde die eigene Unmündigkeit in Frage stellen – vor allem nicht in der Union. Die Entscheidungen der Großen werden immer häufiger von den Gerichten kassiert. Seit Beginn der Diskussionen um „Beherbergungsverbote“ offenbar 60-mal. Die Mitglieder des Kinderparlaments stehen daneben und lauschen, mit jener Betretenheit, die man als Kind eben hat, wenn Mutti und Papi streiten.

Peinlich berührend auch die Geschichte von Jeffrey Toobin, Rechtsexperte des Magazins „New Yorker“, der im Anschluss an eine Zoom-Konferenz (oder gar währenddessen?) vor seinem Rechner masturbierte. Er dachte, die Kamera sei abgeschaltet. Je nachdem, ob uns neue Lockdowns in die eigenen vier Wände zwingen und wie streng und lange diese ausfallen, könnte uns dieses „Delikt“ noch öfters begegnen. Nähe verboten, Berührungen verboten, Feiern verboten – da sollte man wenigstens Konsens darüber schaffen, dass man selber Hand anlegen darf. Ich habe während Zoom-Konferenzen auch schon verstohlen gegessen und getrunken, bin auch schon mehrfach weggedöst. Ganz normale Bedürfnisse – die ich sogar stillte, ohne zu denken, die Kamera sei abgeschaltet. Toobin zu feuern finde ich jedenfalls unmenschlich. Und feiere einstweilen mein schlechtes WLAN, auf das ich mich im Zweifel immer verlassen kann.

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2 Antworten

  1. Moin Wigald ☺️ Schlechtes WLAN hatte ich zuletzt 5 Tage in der Rheumaklinik. Nicht Mal vernünftig telefonieren konnte man. Das Gegenüber oft kam total rauschend und abgehackt an, oder es ging garnichts.

    Wünsche dir und Teresa noch einen schönen Tag 💐

  2. Schlechtes WLAN – das hab ich 10 Tage im Pfalzurlaub genossen 😕 und am Dorfrand gelegen dazu auch kaum bis kein Vodafone und marginales t-online. Da gab’s halt viel Sudoku und schönen Wald mit Seen 😉
    Erholsam aber leider schon wieder rum 😢
    Bleib sittsam – äh: gesund, munter & fröhlich😊

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