Wigalds Tagebuch

Europa, ein Knobelbecher

Beim Frisör. Mein Hairstylist ist nicht der beste, aber der schnellste seines Fachs. Er ist erst vor einiger Zeit aus dem Irak in unsere Breiten geraten und versucht, mit halsbrecherischen Hochgeschwindigkeitsschnitten deutscher Transusigkeit ein Schnippchen zu schnappen. Zur Begrüßung schippschnappt er mich erstmal neckisch in den Ohrlappen, wie eine Oma, die ihren Enkel per Backenkniff herzt.

Mein Frisör spricht ein onduliertes Deutsch, das ähnlich schneidig daherkommt wie seine wirbelnde Schere, und ich verstehe nur Schnippschnapp. Der heutige Kurzdialog geht so: „Wieviele?“ ich: „Was wieviele?“ Er: „Wieviele heute?“ Ich: „Ach so. Nur in Form bringen. Ohren frei, an der Seite vielleicht etwas Undercut, oben ganz lang lassen, damit man was zum Drüberlegen hat“. Er: „Nein, wieviele Infektionen heute?“. Ich: „Ach so, jetzat. Viele. 6600, glaube ich“. Hätte ich natürlich gleich drauf kommen können. Worüber soll man denn heutzutage sonst reden, wenn nicht über Corona – zumal beim Barbier.

Aufgekratztes Interesse allenthalben. Man spürt: Jetzt wird‘s nicht nur ernst; es geht ans Eingemachte! Söder droht unverhohlen mit dem Lockdown, die Kanzlerin spricht vom „Unheil“, das über uns hereinbrechen wird, die Mehrheit der Ministerpräsidenten jedoch hat sich (wenn man die Entscheidung wohlwollend betrachtet) in Richtung Schweden bewegt: Der Bürger weiß, was die Stunde geschlagen hat, jetzt ist es an ihm, sich vernünftig zu verhalten. Der Niederländer Mark Rutte wiederum, der im Frühling weniger rigide seinen oranjen Laden dicht machte als wir, hat sich für ein strenges Schluß-mit-Lustig entschieden, und Macron verkündet gar eine Ausgangssperre, dejà-vu.

Europa gleicht einem Knobelbecher: Reihum schüttelt einer, würfelt – und mal kommt dieses, mal jenes dabei heraus. Im Frühling wurden noch „Strategien“ verfolgt, inzwischen wird der Becher stumpf automatisiert bewegt, in ratloser Trance. Immerhin füllt ein Tierarzt, den sie „Wieler“ nennen, weiter eifrig Zettel mit Strichen und Zahlen.

Draußen dämmert’s. Ein kalter, nasser Herbsttag. Ich lese „Der Mensch des Barock“, von Rosario Villari. Im Kapitel „Der Missionar“ erfahre ich, wie der Papst seit 1622 parallel auf zwei Konzepte zur Bewahrung des katholischen Glaubens setzte: die „apostolische“ und die „richterliche“ Vorgehensweise. Sowohl Gewalt wie auch Milde, Schwert und Schmeichelei waren zulässig, und ganz bewusst entschied sich die „Kongregation de Propaganda fide“ nicht für einen der beiden Wege, hielt sie für komplementär, hielt Güte und Garaus für sowas wie Yin und Yang, Himmel un Äd, Söder und Laschet.

Und dann ist da die Krux mit der „Verhältnismäßigkeit“: In Baden-Württemberg hat ein Gericht die Beherbergungsverbote aufgehoben – so ist das Regieren fürwahr beschwerlich.

Junge, Junge, was haben sie in Europa auf Trump rumgehackt – und jetzt geht bei uns infektionstechnisch so richtig die Post ab. Demut, Freunde, Demut!

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6 Antworten

  1. Hallo Wigald, traurig all das ganze mit Corona und den unvorsichtige….
    Das mit dem wieder von Gerichten gekippten Beherbergungsverboten ist zur Zeit mein aktuelles Thema. Schleswig Holstein halt als einziges Bundesland noch fest….und ich will doch nur auf einer Nordfriesischen Insel radeln,durch die Natur wandern…in einer FeWo essen, wohnen….bis zum 02.11. hoffe ich also , fahren zu dürfen. Unsere 100.000 Eineohner- Stadt mutierte von Corona unbelastetem Vorzeigeort nun spontan zum Risikogebiet. Ca.200 Personen von 100.000 haben den/ das Virus. Und ich halte mich überbrav! an die Regeln. Und darf in dieser touristischen Saure- Gurken- Zeit nicht Nordseeluft schnuppern?

  2. Ich verstehe nicht warum sich so viele an dem „Tierarzt“, oder „Bankkaufmann “ stoßen. War der Chef der Deutschen Bahn jemals Lokführer? Hat der Vorstandsvorsitzende der Lufthansa einen Pilotenschein? Hat der Eigentümer von BMW Automechaniker gelernt? Manager müssen managen können.

  3. Moin Wigald ☺️ Ich habe mich sowieso auf das schlimmste eingerichtet. Der zweite Lockdown.Ich hoffe zwar immer noch, das uns das erspart bleibt, und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.
    Wünsche dir und Teresa noch einen schönen Tag. 💐

  4. Moin! Ich frag mal Jürgen, was man da machen kann. Der kennt sich besser aus.
    Mit „Post abgehen“ meine ich: in Europa. Gestern zB 20.000 Neuinfektionen in Frankreich – ebensoviele wie in Brasilien.

  5. Na daß so richtig die Post abgeht will ich mal nicht hoffen, sondern eher, daß die Deppen, die dran schuld sind, wie die Zahlen steigen, es langsam doch begreifen.
    Die H stirbt bekanntlich zuletzt.
    Hoffen wir weiter, daß wir – und alle unsere Lieben und ein großer Teil der nicht ganz so lieben – nicht darunter sind.
    PS: ein bisschen nervig am neuen Tagebuch ist, daß das angebliche Feature mit dem Häkchen bei „ Meinen Namen, E-Mail und Website in diesem Browser speichern, bis ich wieder kommentiere“ nicht funzt. Oder mach ich da was falsch🤔 Ich wüsste nicht, was man da könnte😢 aber jedesmal wieder den ganzen Sermon ausfüllen … soooo langweilig ist mir eigentlich nicht 😕

    1. bine, das Problem habe ich auch….
      Und dass mir auf der Startseite weder im Ecosia noch im Firefox oder Edge die aktuellen Beiträge angezeigt werden – aber ich guck trotzdem täglich, ob es neue Einträge gibt, ich kann ja auch von Seite zu Seite „blättern“ 😉

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