Wigalds Tagebuch

Sauft Euch über den Atlantik!

Schon wird darüber diskutiert, die Weihnachtsferien zu verlängern, um das Infektionsrisiko in der Schule zu verringern. Immerhin hat der aktuelle Vorschlag (aus der Union) zum Ziel, Präsenzunterricht insgesamt zu erhalten. Abgesehen hiervon ist mir völlig unverständlich, wie man ausgerechnet bei den Kindern ansetzt, um dem Virus beizukommen. In meinem bescheidenen Weltbild gehen Kinder vor, unter allen Umständen.

„Frauen und Kinder zuerst“ hieß es früher in Seenot. Francesco Schettino, Kapitän der Costa Concordia, nahm bei der Havarie seines Schiffes vor der Insel Giglio 2012 unsere „neue Normalität“ bereits vorweg, indem er nicht als letzter von Bord ging, sondern auf die alterhergebrachte Reihenfolge pfiff. Meine Anklage klingt bitter, aber es ist kein Wunder, dass ich bitter bin, spätestens nach meinem Besuch in der Therme unlängst, in der sich dichtgedrängt Hunderte Cocktails hinter die Binde kippten. Diese offenbar völlig legale Feierei genießt den Ruf, ökonomisch unabdingbar zu sein, während der Präsenzunterricht zunehmend als alter Zopf gilt, der getrost abgeschnitten werden kann.

Bin gespannt auf die heutige Ministerpräsidentenkonferenz. Wird das viel kritisierte Beherbergungsverbot gekippt? Kanzlerin Merkel will sich „alle Argumente anhören“. Schon mal gut. Söder nennt Beherbergungsverbote plötzlich nicht mehr entscheidend. Verstehe, er bereitet die Kehrtwende vor. Bin gespannt, ob seine Anhängerschaft den Rückzug geschlossen mitgeht oder Daniel Günther zum neuen Hoffnungsträger der Union wird.

Teresa hat endgültig den Kaffee auf, nachdem sie am Samstag maskiert singen durfte. Gerade bestellte sie für ihre nächsten Einsätze Sturmhauben, wie sie von der GSG9 getragen werden. Ich gehe diesen Weg als treuer Gefährte selbstverständlich mit, gilt Solidarität doch als zentraler Wert der Pandemie – auch wenn man die Mitwirkung schwarz gewandeter, singender Racheengel an Vermählungen mit Recht infantil finden kann.

Feiern – das ist offenbar der Kern allen Übels. Wenn ich mich recht erinnere, ging es mir als Jugendlichem beim Feiern in Wirklichkeit um die Anbahnung sexueller Handlungen. Alkoholische Getränke und Tänze markierten jene Pfade, die auf die Gipfel der Lust führten, um mit Konsalik zu sprechen.

Mein Vorschlag: Wir entschärfen die Corona-Problematik, indem wir die Wege zu den Gipfelkreuzen verkürzen. Wir lassen den Diskothekenbesuch einfach weg und beginnen direkt im Bett. Zu unromantisch? Tinder, Parship boomen bereits, aber womöglich ist ihre gesellschaftliche Verantwortung noch größer als bisher angenommen. Dating-Apps sollten praxistaugliche digitale Partyräume eröffnen, die das analoge Gedränge schnell vermissen lassen und den Liebeshungrigen alter Schule alle Möglichkeiten an die zittrige Hand geben – vom berghainischen Darkroom bis zum digitalen Café Keese, mit Tischtelefon. Der Herr fordert auf, gegebenenfalls mit zuschaltbarer Unterstützung „Hilf der Dame jetzt in den Mantel!“.

Für all jene, denen es beim Saufen tatsächlich nur ums Saufen geht, sollte meine Heimatstadt Wildeshausen („Feiern ist unsere Stärke“) als Kompetenzzentrum neue Methoden des Zuprostens ersinnen, über Distanz, etwa auf dem Pestruper Gräberfeld. Besser noch: Das ungesellige Alkoholkonsum in den eigenen vier Wänden wird gesellschaftlich aufgewertet. So wie Charles Lindbergh einst solo den Atlantik bezwang und zum Helden wurde, so könnt auch ihr Euch Ruhm und Ehre antrinken, in den eigenen vier Wänden. Wichtig: Tut dies ohne Eure Freunde, folgt Eurem eigenen Rhythmus – zum Wohle aller! Nachweislich isoliert verzehrte Schnäpse sollte man steuerlich absetzen können, und am Ende der Stange, der Fahne winkt das Bundesverdienstkreuz, hicks.

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9 Antworten

  1. „hat endgültig den Kaffee auf“ ist eine Redewendung, die ich noch nie gehört habe. Vermutlich == Schnauze voll?
    Ansonsten … Jugendzeit und Suff … da war doch was … 🤔 ist seeeeehr lange her, ein dicker Kopp war auch desöfteren dabei FrauBerchmann 😳😂 weil meist unkontrolliert durcheinander. Heute verträgt die gewöhnte Leber mehr und der Kopp ist‘s – weil besseres Stöffchen – auch zufrieden. Bleibt‘s gesund!

    1. „Ich hab den Kaffee auf“ – kennste echt nich, Ratze?!? Mir ist das geläufig. Sowohl in der Anwendung (alternativ: „Ich hab die Nase voll“) als auch im wörtlichen Sinne (meine frühmorgendliche Kaffeetasse leert sich immer zu schnell 😉 ). Meine www Schnellrecherche ergab, dass der Spruch ursprünglich aus dem Ruhrpott bzw NRW kommt. Ob das stimmt, konnte ich so schnell nicht verifizieren. Ich bin ursprünglich Niedersächsin. Entweder gut assimiliert oder es gibt den Spruch auch in NDS 🤷🏻‍♀️ Kaffee auf oder nicht. Hauptsache guten Alk 🤣🤣

      1. ..ich kannte “ Kaffee auf“ auch nicht. Wir sagen “ ich hab die Faxen dicke“…oder Nase voll…
        Da im Nordosten gibt’s auch so eine Redewendung … Einmal um den Pudding.. Anderer Zusammenhang, aber man lernt immer dazu.🙃😂🤓

  2. #stayhome und #drinkalone oder so. Keine schlechte Idee, kommt mir doch in letzter Zeit eh öfter der Gedanke, ob das ganze Corona-Drumherum mit entsprechend hoher Promille im Blut vielleicht etwas besser zu ertragen ist 🤔 Andererseits war Alkohol noch nie die beste Lösung. Allein der dicke Kopp hinterher…
    P.S. Kinder gehen definitiv vor! Allein die krüde Idee der Ferienänderung ist schon daneben
    Liebe Grüße aus dem Münsterland

  3. Moin Wigald ☺️ das habe ich ja noch gar nicht mitbekommen, das man darüber diskutiert, das man die Weihnachtsferien verlängern will. Das man überhaupt darüber nachdenkt, das man hier Kinderbedürfnisse so eklatant ignoriert, erschließt sich mir nicht. Auch in meiner bescheidenen Welt gehen Kinder vor.Ich hatte dir ja neulich schon geschrieben, es ist Grippezeit, völlig normal, das die Leute krank sind ebenso wie beim ersten Lockdown, und in all den Jahren zuvor hatte das Kind wohl keinen Namen. Das Teresa die Nase voll hat, kann ich gut verstehen, das sie das maskierte Singen überhaupt durchgestanden hat, Respekt. Mir erschließt sich auch nicht, vielleicht bin ich auch zu einfach, warum man nicht mehr Singen darf, aber sprechen 😕 ich meine, die Gefahr der Tröpfchenübertragung besteht auch beim Sprechen, alleine das Sprechen sie bestimmter Buchstaben wie H birgt ein Risiko. Aber ich werde Teresa unterstützen, die Idee mit den Sturmhauben ist gar nicht Mal so schlecht. Vielleicht kann ich so auch den Fussballtrainer überreden, den abgesagten, eigentlich draussen stattfindenden Martinszug des Fussballvereins doch stattfinden zu lassen. Zum Feiern in der Jugend erinnere ich mich nur an folgende Dinge, das es uns ähnlich wie Dir, auch nur um die Anbahnung sexueller Kontakte ging,meistens um den Schwarm. Auch der erste Kuss nach einigen Mengen Alkohol war obligatorisch. Bei uns feierte man noch Feten. Und Tänze gerne „Blues“ diesen Klammeraffentanz. Ich erinnere mich noch an 92/93 damals an November Rain von Guns’Roses. Extra 10 Minuten! Richtig dolle Virenparty! Aber wir waren ja dumm und jung und hatten sogar keine Ahnung. Von daher sind deine Ideen gar nicht Mal schlecht, so direkt ins Bett und so. Nur wie man das Umsetzen soll, das weiss ich nicht. Aber vielleicht wissen ja die klugen Experten dazu Rat, was meinst du?

    Wünsche dir und Teresa noch einen schönen Tag 💐

  4. Arme Teresa….
    Wobei sie in der Rolle der schwarzen Göttin sicher toll aussieht….
    Und es passt ja auch zum nahenden Samhain und der darauf folgenden „dunklen Jahreszeit“.

    Ich überlege schon länger, ob eine Burkha (gibt es bestimmt auch in anderen Farben als schwarz) jetzt nicht langsam eine sinnvolle Variante wäre. Ich glaube, da kann man besser drunter singen, als unter einer Maske. Vielleicht magst Du ihr die Idee weiter geben…. 😉

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